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Titelfoto: Stina Walterbach
23. Februar 2018

Das Huhn im Veggie-Topf

Neujahrsvorsätze? Diät? Nein, danke! Allerdings spricht nichts gegen eine Verjüngungskur mit Tee und ayurvedischen Gewürzen, dachte sich Redakteurin Barbara Simon – und startete den Selbstversuch.

Phase zwei startet mit frischem Gemüsesaft und Hühnerbrühe.Stina Walterbach

Regensburg. Das Kräuterwissen der alten Inder funktioniert offensichtlich auch im modernen Büroalltag: Zumindest läuft die erste Phase meiner vier Monate dauernden Entgiftungskur überraschend reibungslos – was wohl auch daran liegt, dass sich Tee, Ballaststoff- und Kräutertrunk sowie die morgendliche Trockenmassage gut in meinen Tagesablauf integrieren lassen. Und meine Neugier auf die körperlichen Effekte siegt Tag für Tag über meine Disziplinlosigkeit: Üblicherweise halte ich nicht mal eine fünftägige Hustensaftkur durch. Insgesamt vier Phasen empfiehlt die Buchautorin Kulreet Chaudhary in ihrem Ratgeber „Wie neugeboren durch modernes Ayurveda“ für eine umfassende, auf den ganzheitlichen Prinzipien der uralten indischen Gesundheitslehre basierende Darmentgiftungs- und Aufbaukur. Als Neurologin und Ayurveda-Ärztin ist sie sowohl in der Schulmedizin als auch in der ganzheitlichen Medizin zu Hause, was meine anfängliche Skepsis schon mal etwas gemildert hat. Erschienen ist der Ratgeber im Riva-Verlag. Mehr zu den vier Entgiftungsphasen und meinen Erfahrungen gibt es hier monatlich auf kult.

Ausnahmsweise verhält sich mein Körper diesmal wie aus dem Lehrbuch, wenn ich dem Kapitel „So fühlen Sie sich während der ersten Phase“ glauben darf: Weniger erfreulich sind zwar die immer wiederkehrenden Kopfschmerzen und der gelegentliche leichte Schwindel – eben die Entgiftungserscheinungen, die auch in meinem Begleitbuch erwähnt sind; dafür fällt das morgendliche Aufstehen leichter, der Bauch wird ruhiger und der Geist klarer. Das stärkt die Motivation und Phase zwei kann beginnen. Oder vielmehr: Phase zwei sollte endlich beginnen!

Und Phase zwei startet mit zwei elementaren Problemen – und einem extrem hohen Materialeinsatz: Denn jetzt beginnt die Darmsanierung mit frischem Gemüsesaft und Hühnerbrühe. Das erste Problem: Ich habe keinen Entsafter. Trotz gesundheitsbewusster Lebensführung war eine solche Anschaffung in meinem bisherigen Leben nie notwendig. Das zweite Problem: das Huhn in der Brühe. Immerhin lebe ich seit fast zehn Jahren vegetarisch. Während sich das Entsafterproblem relativ schnell lösen lässt und sich im Freundeskreis ein auf den Dachboden ausgelagertes Gerät findet, wirft das Huhn eine Gewissensfrage auf: 100 Prozent Vegetarier oder 100 Prozent Entgiftung? Ich entscheide mich für das volle Programm und damit die vorübergehende und kleine Ausnahme in meinem Vegetarierdasein. Meinem Bauch zuliebe.

Mit der Erweiterung des Entgiftungsprogramms wird der Aufwand merklich höher: Allein für die vier Portionen Saft (für eine Woche) und die acht Portionen Hühnerbrühe (zwei Wochen) verdoppelt sich meine Einkaufsration auf dem Wochenmarkt. Dazu muss ich an den „Safttagen“ morgens eine halbe Stunde mehr einplanen: Denn der Saft sollte jeweils frisch zubereitet werden. Zwar sind Obst und Gemüse in wenigen Minuten verarbeitet, dafür nimmt das Reinigen des Geräts einige Zeit in Anspruch. Die Hühnerbrühe wird für jeweils zwei Wochen vorgekocht, allerdings müssen Suppenhuhn und Brühe mangels Schnellkopftopf und Dampfgarer mehrere Stunden bei kleiner Flamme auf dem Herd simmern. Von der bereits erwähnten Materialschlacht ganz zu schweigen! Wenigstens gelingt es mir, einen Abnehmer für das gekochte Hühnerfleisch zu finden. Doch der Aufwand scheint sich zu lohnen: Mit jedem Tag – und den Saft- und Brüherationen – fühle ich mich fitter und energiegeladener. Und auch die Kopfschmerzen verschwinden immer mehr.

Die dritte Neuerung – zwei exotische Pflanzenpülverchen namens Brahmi und Ashwagandha – nimmt da deutlich weniger Zeit in Anspruch: Beides wird zusammen jeweils zum Frühstück und Abendessen in einem Glas Wasser eingenommen. Die Pulver werden aus indischen Pflanzen gewonnen und sollen vor allem den Heißhunger dimmen. Zumindest ist mir diese Wirkung bei der Lektüre am stärksten in Erinnerung geblieben. Der Geschmack des Trunks ist zwar mild, aber einigermaßen gewöhnungsbedürftig: Brahmi ist eine am Boden kriechendes Gewächs, das bevorzugt in Feuchtgebieten wächst, und das schlägt sich offenbar in einer recht erdigen Note nieder. Am schwersten fällt mir die vierte Neuerung: das Heißhungertagebuch. Notiert werden soll das Auftreten der Attacken und der jeweilige Gemütszustand: Wie schon bei meiner ersten Diät als 13-Jährige scheitere ich auch dieses Mal an der Regelmäßigkeit.

Gefühlt nimmt die Häufigkeit des Süßhungers erst mal noch zu. Besonders schlimm macht er sich auf dem Nachhauseweg bemerkbar, wenn ich an einer Bäckerei oder einem Supermarkt vorbeikomme. Wenn das nicht das Phänomen der berühmten Erstverschlimmerung ist: Ich hoffe jedenfalls auf baldige Besserung, spätestens in der dritten Phase!