Marmeladen-Radtour
Ich muss zugeben, dass erste Mal hab ich ihn früh am Morgen vermisst. Kurz bevor die Sonne aufgehen sollte und kurz nachdem die schwere Discotür hinter mir zugefallen war. Als der kalte Wind den Weg nach Hause über die Steinerne Brücke noch ein bisschen unangenehmer machte und dann das Licht nicht mehr da war.
Das Licht, dass drinnen brannte, wenn die Regale am Morgen noch vor Ladenöffnung aufgefüllt wurden. Das kalte Licht der Neonröhren wirkte wie ein, ja, ein bisschen wie ein Leuchtturm draußen im Meer. Der zur Orientierung da war. Von Stadtamhof her leuchtete früh ab 5 Uhr meistens das Licht vom Sudi auf die Steinerne Brücke. Sudi, das stand für „Superdiscount“ und so hieß wohl auch mal der Vorgänger der Supermarktkette Netto. Und irgendwann hieß der Sudi in Stadtamhof auch mal Plus und danach sogar Netto City. Für die Stadtamhofer blieb der Sudi aber „der Sudi“. Basta. Ich glaube, die Stadtamhofer mögen keine Veränderung.
Jetzt aber müssen sie mit einer Veränderung leben. Der kleine, minimalistisch, aber ausreichend sortierte Supermarkt, der sich aufbäumte gegen die modernen und mehrere Quadratkilometer großen Super-Malls, ist vorerst verschwunden. Der kleine Markt, der eben nur zwei Stadt 18 Buttermilchsorten bereit hielt und der nur zwei Sorten Cola im Angebot hatte, der mit seinem Sortiment nie große Fragen stellte, musste ausziehen, weil das Eckhaus, vorne in Stadtamhof saniert wird. Was bleibt? Der Schreck, wenn man Samstagmorgen auf der Suche nach einem Glas Marmelade in der schnell übergeworfenen Trainingsjacke auf der Straße steht und feststellt: Der Sudi ist nicht mehr. Der nächste Supermarkt ist dann zwar keine Ewigkeit, aber schon eine kleine Radtour entfernt.
