Schlafwandeln für Fortgeschrittene

Junge Briten, die vom Laptop aus den Pop verändern: Mura Masa ist das nächste Wunderkind nach Heroen wie James Blake und Jamie xx.

Fans der ersten Stunde mögen Mura Masa vorwerfen, nun zu poppig zu sein. Schlimm ist das allerdings gar nicht.

Musikalische Wunderkinder hängen sich immer seltener eine Gitarre um den Hals. Sie sitzen alleine in ihrem Kinderzimmer vorm Laptop. Vielleicht steht gerade noch ein Keyboard auf der zerknitterten Decke und zwischen leeren Getränkedosen. Mehr nicht. Als Bedroom-Producer werden sie bezeichnet, tragen Namen wie Hudson Mohawke oder James Blake. Mura Masa ist einer von ihnen. Seine erste EP produzierte er mit 18. Seine Musik ist eine Hybridform aus den staubigen HipHop-Beats der 90-er, Retro-Pop-Hits und kontemporärem House - so, als würden Alben von Madlib, Madonna und Oliver Koletzki fusioniert. Future Beat nennt sich das Genre, das der Brite mit eben jener ersten EP „Someday Somewhere“ (2015) prägte. Auf seinem Debütalbum ist der Untergrund-Charme verwischt. „To Fall Out of Love To“ ist ein echtes Pop-Album.

Wie die Vertonung einer frischen Liebesbeziehung klingt die Platte: ganz weich, ganz zärtlich und vor allem nach vorne gerichtet. Die Zukunft wird gut, scheint auf der Metaebene die Erzählung zu sein. Bässe schleppen sich dann smooth von Takt zu Takt. Die Kicks, die sich behutsam davorschieben, sorgen dafür, dass aus einem Schlendern eine Aufforderung zum Tanz wird. Bis es irgendwann zu entfesselten Hymnen für ästhetischen Partyspaß kommt. „Firefly“ zum Beispiel, mit der Neo-Soul-Sängerin Nao.

Trotzdem hat die ganze Platte noch Schlaf an den Augenrändern, weil sie eben auch mitten in der Nacht auf der Bettkante entstanden ist. Sie ist für einen intimen Moment zwischen Regen und Sonnenschein gemacht. Schließlich bauscht sie sich durch die vielen Synth-Gesangs-Kombinationen mit großen Stimmen wie der von Charli XCX sowie Mura Masas eigener zu einem Wohlfühl-Epos auf. Auch die textlich depressiven Momente auf „Love$ick“ (mit ASAP Rocky) klingen nicht suizidal, sondern lebensbejahend. Am Ende singt sogar Blur- und Gorillaz-Leader Damon Albarn ein Duett mit Mura Masa.

Der 21-Jährige schafft es, alle seine Gäste gut aussehen zu lassen, ohne dass seine Produktionen zur Nebensache werden. Das ist die größte Stärke von „To Fall Out of Love To“. Auch schaffte er es, aus dem Schlafzimmer heraus eine Platte zu produzieren, die klingt, als wäre sie in einem riesigen Studio entstanden. Es ist ihm gelungen, Future Beat im Pop zu etablieren. Entstanden ist eingängige Pop-Musik, die für jeden zugänglich ist und gleichzeitig klug genug für die mäkelnden Nerds. Einzige Gefahr: einzuschlafen. „To Fall Out of Love To“ ist ein homogener Wulst, der große Bruch als Spannungsmoment fehlt.

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