Logo Mittelbayerische.de
Portal auswählen »
Titelfoto: Orlando Florin Rosu - stock.adobe.com
05. November 2018

Raus aus der Jobmühle und frei sein

Die FIRE-Bewegung bekommt immer mehr Anhänger: Sie wollen innerhalb weniger Jahre genug Geld ansparen, um den Rest des Lebens nicht mehr arbeiten zu müssen.

Für die Anhänger der FIRE-Bewegung sind ein dickes Haus, Autos und Designermöbel nicht das wichtigste im Leben. Ihnen geht es vor allem darum frei zu sein.

Im Schnitt müssen Deutsche 38 Jahre bis zur Rente arbeiten, das ist die Lebensarbeitszeit. Oliver Noelting aus Hannover hatte schon als Student darauf keine Lust – und hat sich vom „langweiligen Standard-Lebensmodell“ verabschiedet. Auch für Diana Wohnlich (Name von der Redaktion geändert) aus München sind 38 Jahre Arbeit zu viel. Sie will möglichst schnell finanziell unabhängig sein und ihr Leben selbst bestimmen.

Die beiden sind Anhänger der FIRE-Bewegung (Financial Independence and Retiring Early): Sie sparen einen Großteil ihres Einkommens und legen das Geld breit gestreut an, um früh in Rente zu gehen. 40 Jahre ist das Ziel der meisten FIRE-Anhänger. Um dieses zu erreichen, gibt es eine Vier-Prozent-Formel: Sie müssen bis zu diesem Zeitpunkt soviel Geld ansparen, dass es reicht, um 30 Jahre lang jährlich vier Prozent ausgeben zu können – und nicht pleite zu gehen. Die Summe ist abhängig vom Lebensstil und -ort, beginnt aber meistens bei rund 500 000 Euro. Hat man dieses Geld in Aktienfonds oder ähnlichem angelegt, kann man dann jedes Jahr 20 000 Euro entnehmen und alles machen, worauf man Lust hat – ohne arbeiten zu müssen.

Oliver Noelting, bekannt als Frugalist, spart rund 70 Prozent seines Einkommens als Software-Entwickler, Diana Wohnlich bringt es mit ihrer Familie in München im Schnitt auf 56 Prozent, dabei zahlt sie mit ihrem Partner noch ihr Haus ab. Ihre Motivation war es, nach der Geburt ihrer Tochter möglichst viel Zeit mit ihr zu verbringen. Also hat sie Sparmöglichkeiten recherchiert und ist auf die FIRE-Bewegung gestoßen. „Ich habe ein bisschen gerechnet, Haushaltsbuch geführt und gesehen: Das könnte klappen!“, sagt die 35-Jährige.

Aber: Für das hohe Sparziel muss das Leben erstmal umgekrempelt werden. Wohnlich begann vor anderthalb Jahren damit: Erstmal haben sie viel entrümpelt und gelernt, wofür sie Geld ausgeben. „Da hat sich dann schnell gezeigt, was uns wirklich wichtig ist und uns glücklich macht. Und wofür wir zwar Geld ausgeben, was uns aber im Verhältnis wenig Zufriedenheit bringt“, erklärt Wohnlich. Dazu gehörten häufige Restaurantbesuche, Auto und Fernreisen. „Wir kochen sehr gerne selbst, fahren jetzt E-Bikes und erkunden die Umgebung oder besuchen günstig Freunde. Und wir haben dabei eine tolle Zeit!“, sagt sie. Sie haben Versicherungen gekündigt oder neu verhandelt und kaufen gebrauchte Sachen, die sie auch wieder verkaufen, wenn sie nicht mehr benötigt werden.

Der Konsum hat stark nachgelassen. „Es fällt mir mittlerweile leicht, nicht zu shoppen“, sagt Wohnlich. Sie empfinde es nicht als Verzicht, sondern als Ansporn, wieder bewusst zu genießen. „Wenn man nicht mehr jede Woche Sushi bestellt, dann ist das so ein Highlight und als Geburtstagsessen ein echter Genuss“, sagt sie. Das gesparte Geld wird fleißig investiert – und Diana Wohnlich beweist, dass Geldanlage auch Spaß machen kann.

„Mittlerweile kaufe ich am liebsten ETF-Anteile“, sagt sie. ETF, Exchange Traded Funds, sind günstige Indexfonds an der Börse, die die Wertentwicklung eines Indexes wie Dax oder Dow Jones abbilden. Der Konsumverzicht hat nebenbei Freiräume geschaffen. „Ich mache morgens Yoga, habe ein Unternehmen gegründet, initiiere Treffen mit Freunden und beschäftige mich mit Themen, die mich interessieren“, sagt sie, „und ich hätte gerne noch mehr Zeit dazu!“ Auch für Oliver Noelting wiegen Zeit für soziale Kontakte, Sport und „coole Projekte“ mehr als Konsum. „Ein dickes Haus, Autos und Designermöbel? Interessiert mich nicht die Bohne“, sagt er. Sein Ziel ist es, vor seinem 40. Geburtstag ausgesorgt zu haben und nie wieder arbeiten zu müssen. In seinem Blog gibt er Tipps zum Sparen, zur cleveren Geldanlage und schreibt seine eigene Strategie detailliert auf.

Ein junger FIRE-Blogger ist Dominik Fecht aus Gelsenkirchen. Der 21-Jährige ist dualer Student beim Zoll und klärt in seinem Blog finanziell-frei-mit-30.de über Themen wie Sparen, Konsumverzicht, passives Geldeinkommen und Geldanlage auf. Der Guru der FIRE-Bewegung ist aber der Kanadier Peter Adeney, bekannt als Mr. Money Moustache und wohnhaft in Colorado. Er sagt: „Wenn man mit 20 Jahren beginnt, die Hälfte seines Einkommens zu sparen und anzulegen, kann man mit 37 Jahren in Rente gehen. Wenn man 75 Prozent sparen kann, muss man insgesamt nur sieben Jahre arbeiten.“ Viele Anhänger der FIRE-Bewegung kommen aus der IT-Branche und verdienen deshalb teils horrende Summen im Vergleich zu anderen Berufen. Deshalb können sie schnell viel Geld ansparen.

Insgesamt eignet sich die FIRE-Strategie eher für disziplinierte Menschen und bietet eine alternative Verteilung der Lebensarbeitszeit – dann müssen es keine 38 Jahre sein.