Logo Mittelbayerische.de
Portal auswählen »
Titelfoto: Eastblok Music
31. Oktober 2018

Savoir-vivre auf Russisch

Rebellisch und erfolgreich: Das „Enfant terrible“ der russischen Popmusik kommt Ende des Monats für zwei Konzerte nach Deutschland.

Erfolgreich, aber auch umstritten - Verherrlichung von Gewalt und Alkoholismus werden Schnurow und seiner Band vorgeworfen. Unsere Autorin findet die Musik von Leningrad trotzdem super.

Moderne russische Musik war für mich bislang die von t.A.T.u. und Pussy Riot. Rebellisch, tabubrechend und systemkritisch. Meine neueste Entdeckung ist nicht weniger rebellisch, aber begeistert mich umso mehr. Ein Freund, der ein Auslandssemester in Sankt Petersburg verbrachte, zeigte mir einen Song der Band Leningrad, dessen Video allein schon phänomenal ist: Es beginnt am Ende und die Bilder laufen rückwärts. Dazu mitreißende Beats und schriller Gesang. Ich begann, einige der Alben durchzuhören und war hin und weg, ohne nur ein einziges Wort Russisch zu können. Elemente aus Pop, Rock, Ska, Hip-Hop, Metal und vor allem russischer Folklore werden mit leidenschaftlichem Gesang und Bläsermelodien kombiniert und sorgen für einen fetzigen, bunten Mix. Ich würde gern Russisch lernen, nur um mitsingen zu können.

Leningrad, benannt nach dem ehemaligen Namen der Stadt Sankt Petersburg, wurde dort 1997 von Sergei Schnurow gegründet, der bereits vorher als Musiker und Schauspieler aktiv war. Auch er interessiert sich für Tabus und deren Brüche, für Demokratie und dafür, was in dieser geduldet ist. Die mehr als zehnköpfige Gruppe wechselte zwischendurch einige Mitglieder und wurde 2008 von Schnurow aufgelöst, um allerdings nur zwei Jahre später weiterzumachen und sich zu einer der erfolgreichsten russischen Bands zu entwickeln.

Erfolgreich, aber auch umstritten - Verherrlichung von Gewalt und Alkoholismus werden Schnurow und seiner Band vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft war ihnen bereits auf den Fersen. In Moskau hatte Leningrad für einige Zeit Auftrittsverbot, was ihren Erfolg jedoch nicht schmälerte. Im Gegenteil, die Band begann, auch international immer bekannter und beliebter zu werden. In Deutschland wurde Leningrad vor allem durch das Projekt „Russendisko“ bekannt. Der aus Russland stammende Journalist und Autor Wladimir Kaminer gab unter diesem Namen Kurzgeschichten über die Einwanderung nach Deutschland heraus und stellte auf Tanzveranstaltungen verschiedene russische Bands vor. Mit der Zeit entstand auf diese Weise eine ganze Musikrichtung, die russische Folklore mit modernen Elementen kombiniert.

2010 erschien in Deutschland ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Leningrad – Der Mann, der singt“. Regisseur Peter Rippl hatte die Band zwei Monate lang bei Auftritten in Russland und London begleitet und demonstriert in seinem Film das Lebensgefühl der Musiker – „authentische Proleten, die ihren Schmerz ungefiltert in Töne umsetzen“, schrieb die Kinozeit. Regelmäßig tritt Leningrad auch hierzulande auf. In diesem Jahr sind zwei Konzerte ihrer Show „20 18+“ am 31. Oktober in Berlin und am 4. November in Düsseldorf angekündigt. Wer in eines der mittlerweile über zwanzig Alben hineinhört, merkt: Leningrads Musik könnte vielfältiger nicht sein und gehört auf die Liste der Bands, die man unbedingt einmal live erleben sollte.