Ein Regensburger soll’s richten

Bei der EM 2012 vertrauen die Sportler auf einen Bayern: Physiotherapeut Klaus Eder ist zuständig für große und kleine Wehwehchen.

Klaus Eder.

Seit 1988 ist der 58-jährige Klaus Eder bereits Physiotherapeut der Nationalmannschaft und leitet mittlerweile das DFB-Physio-Team. Jede schwache Wade kommt unter seine Fittiche, viele der Spieler kennt und behandelt er schon seit Jahren in seinen Praxen in Regensburg und Donaustauf.

Herr Eder, der Kader ist fix, die Mannschaft ist bereits im Quartier in Danzig. Die EM kann kommen. Wie schätzen Sie die Sieg-Chancen der Deutschen Mannschaft ein?

Klaus Eder: Wir sind neben Spanien und Frankreich sicherlich Favoriten. Aber um mit den Worten von Franz Beckenbauer zu sprechen „Jedes Spiel muss erst einmal gespielt werden“, und dann schau‘n ma mal, was dabei rauskommt. Aber ich habe ein sehr gutes Gefühl, wir haben eine sehr junge, dynamische Mannschaft, die alle perfekte Fußballspieler sind. Jogi Löw hat es geschafft, nicht nur Individualisten aufzubieten, sondern auch Leute, die teamfähig sind. Das heißt, ich bin überzeugt, dass es ihnen gelingt, eine gute Mannschaft zu formen.

Per Mertesacker, der bei Ihnen in Behandlung war, und Miroslav Klose sind trotz ihrer Verletzungen nominiert. Sind beide schon ganz fit? Was kann man von ihnen erwarten?

Eder: Gesund und fit sind natürlich immer zwei Paar Schuhe. Beide fühlen sich sehr wohl. Beide haben aber auch zu erkennen gegeben, dass sie mich nötiger brauchen denn je.

Sind Sie mit Jogi Löws Spielerauswahl zufrieden?

Eder: Ja, selbstverständlich. Ich bin kein Fußballexperte. So wie Jogi Löw mit meiner Arbeit zufrieden ist, bin ich mit seiner Arbeit zufrieden.

Sie und Dr. Müller-Wohlfahrt sind die Ersten auf dem Rasen, wenn einer der Spieler verletzt ist. Sicherlich schlägt aber neben dem Physiotherapeuten-Herz auch das Fan-Herz in ihrer Brust. Lässt Ihre Professionalität ein Mitfiebern vom Spielfeldrand aus zu oder haben Sie nur ein Auge auf die Waden der Spieler?

Eder: Natürlich fiebert man mit. Man bringt seine ganze Energie, seine Leistung und sein Know-how ein, um die Mannschaft fit zu halten und da möchte man natürlich auch den Erfolg sehen. Manchmal ärgere ich mich über mich selber, dass ich zu viel mitfiebere und schon fast fanatisch wirke. Ich muss mich ab und zu bremsen, damit ich nicht Schiedsrichter oder sonstige Beteiligte, die ich im Unrecht sehe, beschimpfe oder beleidige. Ich hab mich aber gut im Griff! Die Rationalität überwiegt immer noch die Emotionen.

Mussten Sie einem Sportler schon einmal sagen, dass die Verletzung so schwerwiegend ist, dass er seine Karriere an den Nagel hängen muss?

Eder: Ja, leider. Aber diese Aussagen treffen natürlich in erster Linie die Ärzte, da können wir uns hinter deren Rücken verstecken. Aber wir müssen den Spieler dann ermutigen, sich auf einer anderen Ebene als auf der Sportlichen zu beweisen.

In ihrer langen Zeit beim DFB haben sich doch bestimmt Freundschaften entwickelt. Wie privat gehen Sie mit dem Team und das Team mit Ihnen um?

Eder: Während so großen Turnieren wie einer EM oder WM wächst man natürlich zusammen. Aber wenn diese Turniere vorbei sind, sind auch zu enge Bindungen vorbei. Natürlich ist immer jemand dabei, mit denen man privat etwas mehr Kontakt hat. Das ist tatsächlich Per Mertesacker oder Miro Klose, weil man sich ewig kennt, ich hab sie so zusagen an meiner Brust großgezogen. Was sich langfristig als Freundschaft bewährt hat im Hochleistungssport, ist die Beziehung zu Boris Becker und zu Hansi Dorfner.

Sie jetten um die Welt, sind nah dran an Stars und Sternchen. Hätten Sie sich das gedacht, als Sie mit 20 Jahren Ihr Staatsexamen als Physiotherapeut abschlossen?

Eder: Nein, natürlich nicht. Ich bin ja ein echtes Regensburger Gewächs und eine Donaustaufer Pflanze. Ich wusste, Regensburg und Donaustauf ist nicht der Puls der Welt. Wenn ich eine solche Karriere im Sinn gehabt hätte, dann hätte ich in Berlin bleiben müssen oder München oder Düsseldorf. Aber man sieht, mit Akribie, Fleiß, Wissen und dem richtigen Team kann man auch Regensburg und Donaustauf zum Mekka der Sport-Physiotherapie machen. Dazu trägt auch die Zusammenarbeit mit sehr vielen Ärzten und der Uni-Klinik bei.

Neben der EM steht auch Olympia vor der Tür. Sie betreuen die deutschen Sportler. Unter anderem den Gewichtheber Matthias Steiner, der auch bis vor kurzem unter einer Verletzung litt. Zwischen ihm und Per Mertesacker liegen rund 80 Kilo. Fassen Sie Schwergewichte härter an?

Eder: Grad diese Schwerathleten sind sehr sensibel. Es ist also besser, man nimmt den Fuß vom Gas und tut denen nicht weh.

Was war ihr skurrilstes Erlebnis mit einem Patienten?

Eder: Sehr skurril war die Verletzung von Oliver Kahn beim WM-Finale 2002 gegen Brasilien (Anm. d. Red.: Brasilien siegte 0:2), als ich dachte, der Finger sei gebrochen. Und ich fragte Oliver: „Willst du dich nicht auswechseln lassen?“ Er schrie mich an: „Gib mir was Gscheids!“ Ich hab dann seinen Finger vereist und habe zu Dr. Müller-Wohlfahrt und zu Rudi Völler gesagt, ich glaube, der ist schwerer verletzt, der sollte ausgewechselt werden. Aber keiner hat darauf reagiert und ich dachte: „Ja, gut. Dann setz ich mich auch wieder hin und schau mir das Spiel an.“

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