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Titelfoto: Stina Walterbach
19. Juli 2018

Das Gartentürchen zum Glück

Eigenbrötler und Spießer – die Vorurteile gegenüber Schrebergärtnern sind nicht immer nett. Doch was ist dran? Wir haben die Kleingartenanlage am Mühlweg besucht und einen bunten Mix aus Menschen gefunden, die alle eines gemeinsam haben: Sie lieben ihren Garten.

Schrebergärten werden immer beliebter. Und auch wir müssen zugeben, die kleinen Parzellen im Regensburger Südosten sehen schon sehr hübsch aus.Stina Walterbach

Wo der Lavendelweg in den Fliederweg mündet, wo kein Häuschen dem anderen gleicht und die Farben auf den Wiesen um die Wette strahlen, da scheint die Hektik der Stadt keinen Zutritt zu haben. Hans Zehmeister spaziert über die sandigen Wege der Kleingartenanlage am Mühlweg, begutachtet die Bäume mit fachmännischem Blick, grüßt über niedrige Gartenzäune und öffnet schließlich das geschwungene Metalltürchen zu seinem 330 Quadratmeter großen eigenen Reich. Obstbäume, Gemüsebeete, Beerensträucher und ein uriges Häuschen sind feste Bestandteile von Zehmeisters Vorstellung vom Glück. Eine Vorstellung, die er mit etwa 1800 Kleingärtnern in Regensburg teilt.

„Garteln“ ist plötzlich hip

Ein Kleingarten, auch Schrebergarten genannt, war lange für viele der Inbegriff des Spießbürgertums. Doch in den letzten Jahren hat sich das geändert. Auf Blogs und in Büchern berichten junge, hippe Menschen bildgewaltig von ihren selbst gezogenen Karotten, posten Fotos vom Gartenidyll mit Holzbänken, Lichterketten und liebevoll gedeckten Tischen, auf denen Kuchen, Obst und Gemüse aus eigener Herstellung prangen. Sie tauschen Tipps aus, wie man seinem Gartenhäuschen den angesagten dänischen Hygge-Look verleiht, zeigen stolz ihre Do-it-yourself-Deko und gehen auf die Straße, wenn man in Großstädten ihre Kolonien gegen Baugrund opfert. Die meist zentral gelegenen Gartenkolonien scheinen für viele Menschen die perfekte Ergänzung zum urbanen Lifestyle mit Altstadtwohnung und Bürojob zu sein.

Auch in Regensburg sind die insgesamt 1791 Parzellen in 24 Anlagen heiß begehrt. „Wer einen Garten hat, der gibt ihn so schnell nicht mehr her“, sagt Zehmeister. Trotzdem werden pro Jahr etwa 120 Kleingärten frei, auf die sich mehrere Interessenten bewerben – es gibt sogar Wartelisten. Unmöglich ist es aber nicht, sagt Norbert Winklmeier, Vorstandsvorsitzender des Stadtverbands Regensburg der Kleingärtner e. V. Wer eine Parzelle will, muss sich beim Stadtverband bewerben. Schließlich sollte der neue Gärtner auch zum Verein passen. Schrebergärtnern ist nämlich keine Egonummer, es ist ein Gemeinschaftsprojekt. Deshalb sind zum Beispiel auch keine hohen Zäune zwischen den Gärten erlaubt. Zusammenarbeit, Austausch und Vereinsleben sind dagegen erwünscht. Familien werden übrigens bevorzugt, denn den Kleingärtnern ist es besonders wichtig, dass Kinder eine Möglichkeit bekommen, in der Natur aufzuwachsen. „Wir wollen nicht, dass Kinder mal auf die Frage ‚Wo kommt der Apfel her‘ mit ‚aus dem Supermarkt‘ antworten“, sagt Winklmeier.

Grünfläche mit sozialem Hintergrund

Ums Geld geht es nicht. Ein Garten kostet im Schnitt nur 300 Euro – wohlgemerkt im Jahr. Bei Übernahme kommt noch die einmalige Ablöse für den alten Garten mit Häuschen, Pflanzen und angelegten Beeten dazu. Der Wert wird vom Verband geschätzt, da können schon nochmal gute 2000 Euro oder mehr draufkommen. Dass die Pacht der Gärten so günstig ist, hat mit dem Urgedanken des Kleingartens zu tun. Der besagt, dass die Gärten vor allem soziale Zwecke zu erfüllen haben. Sie sollen Familien Raum geben, die Städte grüner machen, ein Platz für Integration sein – allein in der Anlage am Mühlweg sind 13 verschiedene Nationen vertreten – und gerade sozial schwächeren Menschen die Möglichkeit geben, ihr eigenes Obst und Gemüse anzubauen, erklärt Winklmeier. Die Bezeichnung „Schrebergarten“ geht übrigens auf den Leipziger Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber zurück, der zwar nicht als Erfinder der Kleingartenidee gilt, aber als ihr Namensgeber. Die Anlage am Mühlweg gibt es schon seit 1947. Entstanden ist sie aus einem Grundstück, auf dem Kriegsflüchtlinge am Hinteren Mühlweg einen Platz für Gemüseanbau und Kleintierhaltung bekommen hatten. Deshalb sieht man an manchen Gartenhäuschen heute noch kleine Vorbauten, die damals als Hühnerställe dienten. So auch bei Hans Zehmeister. Er hat den Stall aber längst zum Geräteschuppen umfunktioniert, Kleintierhaltung ist heute nicht mehr erlaubt. Und da wären wir bei den berühmten Regeln. Denn in der Tat muss man sich an ein paar halten. Das Tomatenhaus darf nicht beliebig groß sein und auch andere umfangreiche Bauarbeiten müssen gemeldet werden. Man darf nicht in seinem Gartenhäuschen wohnen, Ruhezeiten sind einzuhalten und ein Drittel Anbaufläche ist ebenfalls vorgeschrieben. Diese Regeln sollen keinem den Spaß verderben, sie sind Teil des Kleingartengesetzes, das erfüllt sein muss, damit ein Zusammenleben gelingt und Sonderkonditionen für Kleingärten erhalten bleiben.

Keine verschlossenen Türen

Grundsätzlich sind die Anlagen, deren Grund teils von der Stadt, teils von privaten Besitzern an den Verband und wiederum an die Vereine verpachtet wird, vor Bauvorhaben geschützt. Wird aber entschieden, dass die Fläche aus öffentlichem Interesse doch anderweitig genutzt werden darf, muss Ersatz geschaffen werden, erklärt Winklmeier. Kleingartenanlagen gelten nämlich als öffentliche und schützenswerte Grünanlage – jeder darf sie betreten.

„Besucher sind bei uns in der Anlage herzlich willkommen“, sagt Zehmeister, der nicht nur seit 1983 leidenschaftlicher Hobbygärtner am Mühlweg, sondern auch Fachberater des Verbands ist. Das hat bei den Zehmeisters Tradition. Schon sein Vater war Fachberater in Nürnberg und sein Sohn setzt die Tradition in einer anderen Anlage ebenfalls fort. „Man darf jederzeit über die Wege spazieren und mit uns ins Gespräch kommen. Wenn man nett fragt, bekommt man sicher auch mal einen Apfel – da sind wir ja stolz drauf“, sagt Zehmeister schmunzelnd und erzählt von seinem ganz besonderen Säulenapfelbaum, dessen Früchte so groß sind, dass ein einziger Apfel für einen ganzen Apfelkuchen ausreicht. Als Fachberater ist es seine Aufgabe, den Kleingärtnern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und regelmäßig Kurse anzubieten, denn die fälligen Arbeiten wie beispielsweise Baumbeschnitt sind wichtig für eine ertragreiche Ernte, aber oft gar nicht so einfach. „Man muss kein Vorwissen haben, um einen Kleingarten zu bekommen. Hier kann man alles lernen“, sagt er. Was man aber mitbringen sollte, ist Zeit. „Zwei Stunden am Tag will der Garten seinen Herrn sehen“ gibt er als Leitsatz zu bedenken. Doch als Arbeit betrachtet er es nicht: „Das ist reine Entspannung.“ Und natürlich muss in so einem Schrebergarten nicht nur geackert werden. Es tollen Kinder umher, es werden Feste gefeiert und Würstel gegrillt. Jedes Jahr veranstaltet der Verein am Mühlweg zudem ein Sommerfest und einen Weihnachtsmarkt für die Allgemeinheit. Denn auch wenn man sich an einige Regeln halten muss, ist der Garten natürlich hauptsächlich zur Erholung da.