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Titelfoto: Barbara Simon
09. Februar 2017

Hütchenspiele für Forscher

Einblicke hinter die Kulissen: Wie Wissenschaftler an der OTH Regensburg neue Techniken entwickeln. Ohne Multitasking geht da nichts.

Mensch trifft Maschine: Das Exoskelett ist eines der Forschungsprojekte von Benjamin Großmann (re.), wissenschaftlicher Mitarbeiter an der OTH Regensburg.Barbara Simon

Regensburg. Kleine bunte Hütchen demonstrieren vorerst noch, wie die Interaktion zwischen Mensch und Maschine funktionieren kann: Auf einen Fingerzeig hin fährt der Roboter an den Tisch und schnappt nach dem Hütchen. Die Aufgabenstellung an die Forscher ist es, die Steuerung so zu entwickeln, dass der technische Helfer an einem teilautomatischen Arbeitsplatz auf eine Geste hin Waren abtransportiert.

Das Labor von Prof. Dr.-Ing. Thomas Schlegl, in dem Forschungsassistent Benjamin Großmann und seine sieben Kollegen arbeiten, liegt im Untergeschoss der Fakultät Maschinenbau an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg: Ihr Schwerpunkt ist die Automatisierung technischer Systeme. Der Raum ist aufgeteilt in kleine Arbeitseinheiten mit verschiedenen Versuchsaufbauten und Computerarbeitsplätzen, überall liegen Kabel und Steuerungssysteme, es stehen Roboterteile oder Maschinenarme herum.

Die Stimmung ist hochkonzentriert, hier und da wird in der Kleingruppe beraten und diskutiert. „Außer den Arbeitszeiten hat unsere Arbeit wenig mit dem Klischee des chaotisch-genialen Forschers zu tun“, berichtet Großmann. Stehe die Abgabe für ein Forschungsprojekt an, werde schon mal das Wochenende durchgearbeitet, ansonsten verlaufe der Arbeitsalltag sehr praxisorientiert und organisiert: „Wir genießen vonseiten unseres Laborleiters viel Vertrauen, das setzt aber auch viel Selbstverantwortung voraus.“ Jeder Mitarbeiter habe seinen Fachbereich und seine Schwerpunkte, viele Lösungen würden allerdings im Team besprochen oder erarbeitet – beispielsweise bei neuen Versuchsaufbauten.

Derzeit arbeiten die acht Wissenschaftler an mehreren Projekten gleichzeitig, zwei laufen in Kooperation mit Regensburger Firmen, eines im Auftrag einer öffentlichen Institution: Für das Projekt Mensch-Maschine arbeitet das Cluster „Automatisierung Technischer Systeme“ mit dem Institut für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST) an der OTH Regensburg zusammen: „Bei teilautomatischen Systemen spielt der Aspekt Mensch eine besondere Rolle: Die Benutzeroberfläche muss einfach bedienbar, ebenso darf die Maschine nicht furchteinflößend sein.“

Die Forschungsaufträge ergeben sich zum Teil auf Initiative der Unternehmen oder öffentlichen Institutionen, zum anderen auch aus früheren Projekten oder Kontakten: Für die Forscher gilt es dann, für das neue Projekt Drittmittel zu akquirieren: „Viele Firmen haben eigene Forschungsabteilungen, pflegen aber den engen Kontakt zur Hochschule, auch um neue Nachwuchskräfte zu finden.“ Ist ein Projekt abgeschlossen, dauert es bis zu zwei Jahre, bis es die Marktreife hat: „Bei unserer Arbeit geht es nicht um das Produkt, sondern um einen Demonstrator, der zeigt, dass und wie eine Idee funktioniert. Die Unternehmen entwickeln die Idee weiter.“

Zudem besteht eine Partnerschaft mit der Tokyo University, bei der es um die Weiterentwicklung eines Exoskeletts geht, einen am Körper tragbaren Roboter, der die Bewegungen des Menschen unterstützt: In Regensburg wird das Basisskelett aus Japan mit zusätzlichen Funktionen ausgestattet. Ein weiteres Forschungsprojekt mit aktuellem gesellschaftlichen Bezug ist für die Maschinenbauer die Arbeit an Assistenzmobilen für den Hausgebrauch.

„Der besondere Reiz an der Forschung ist die Vielfältigkeit und die Abwechslung bei den Themen, mit denen man es zu tun hat“, erzählt der 29-Jährige. Er entschied sich nach dem Abitur bewusst für ein Maschinenbaustudium – und gegen Informatik und Elektrotechnik: „Die Inhalte des Maschinenbaustudiums erschienen mir weniger abstrakt zu sein als in der Informatik oder Elektrotechnik.“ Nach dem Masterabschluss im Fach „Applied Research“ ergab sich für Großmann die Möglichkeit, als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Vollzeit in die Forschung zu gehen: „Die Zeitverträge sind auf sechs Jahre begrenzt, parallel dazu besteht die Möglichkeit, die Doktorarbeit zu schreiben.“ Eine der raren unbefristeten Stelle zu bekommen, sei allerdings schwer.

Mit zu den Aufgaben der wissenschaftlichen Arbeit gehört auch der Lehrauftrag für mehrere Wochenstunden, beispielsweise im Rahmen von Vorlesungen, Übungen und der Betreuung von Praktika. Ein Kann, aber kein Muss ist die Publikation zu den eigenen Forschungsprojekten: „Die Krönung für die eigene Reputation, aber auch für das Team und die Hochschule.“