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30. September 2019

And the Golden Razor Blade goes to …

Wer braucht schon den Oscar, wenn er das Golden Razor Blade haben kann? Nach fünf Tagen voll düsterer Bösewichte, sympathischer Gäste und stolzer Gewinner ist das „Hardline:Filmfestival“ am Sonntag zu Ende gegangen.

kult-Redakteurin Christina war beim Hardline:Filmfestival live dabei. Fotos: Ott

Regensburg. Hexen, Spinnen, Splatter, aber auch nachdenkliche Dramen, Verlust und Liebe – das „Hardline:Filmfestival“ war dieses Jahr an Vielseitigkeit wieder kaum zu überbieten. So ließen Filme wie „Ghost Killers vs. Bloody Mary“ ihre Besucher leicht angeekelt und höchst amüsiert zurück, andere Filme wie das Science-Fiction-Drama „Aniara“ sorgten dagegen wahrscheinlich bei vielen noch für nachhaltige Grübeleien. Gänsehaut, Freudentränen, schallendes Gelächter, Ekel und der eine oder andere Kloß im Hals – Organisator Florian Scheuerer hat den insgesamt 2000 Besuchern wieder alles gezeigt, was das Genre aktuell zu bieten hat. Publikumsliebling bei den Langfilmen war der marokkanische Horrorfilm „Achoura“, er bekam als Pokal das Golden Razor Blade. Bei den Kurzfilmen gewann „The Burden“ die Gunst des Publikums und somit das Silver Razor Blade. Der Jurypreis und damit der Silver Méliès Award gingen an den Kurzfilm „Supine“.

Julian Richards: das Multitalent

Mit 17 Filmen plus zwei Kurzfilmblöcken bot das Festival dieses Jahr so viele Filme wie noch nie. Und auch Regisseure waren so viele da wie nie zuvor. Im Fokus stand dieses Mal Julian Richards, Regisseur, Produzent und Gründer eines Filmverleihs aus Wales. Von ihm sah das Publikum drei Filme: das moderne Frankenstein-Mutter-Tochter-Drama „Reborn“, die Serienkiller-Mockumentary „The Last Horror Movie“ und „Darklands“, einen Film voller dunkler Rituale und gefährlichen Nationalismus. Seine ersten filmischen Experimente hat Richards schon mit 13 Jahren gemacht – natürlich auch mit Horror-Thematik.

Regisseur, Produzent und Gründer eines Filmverleihs: Multitalent Julian Richards im Interview mit kult-Redakteurin Christina Ott.

„Ich habe einfach eine Leidenschaft für das Genre“, sagt er. Richards war aber nicht nur wegen seiner Filme ein spannender Gast, sondern auch wegen seiner Rolle in den unterschiedlichsten Bereichen der Branche. Gerade als Inhaber eines Filmverleihs hat er schier unendlich viele Genrefilme gesehen und auch einen der wohl umstrittensten Filme überhaupt im Programm: „A Serbian Film“. „Den musste ich selbst dreimal zwischendurch stoppen und später weiterschauen“, gesteht er. Doch auch wenn so manches im Genre höchst moralisch verwerflich und verstörend ist, haben die meisten seiner Meinung nach ihre Berechtigung: „Es geht im Genre viel um Metaphern, es erlaubt einem, sich auszuprobieren.“ Ein Geheimrezept für einen guten Horrorfilm gibt es wohl nicht, enthalten sein sollten aber immer Spannung, Schock und Überraschung. Auf die Frage, ob der frisch gebackene Papa auch seine Kinder so früh Horrorfilme schauen lässt, wie er es durfte, lacht er: „Eines Tages werde ich ihnen erklären müssen, warum ihr Vater solche Filme macht.“

Der erste Hardline-Film aus Deutschland

Typisch Hardline: Eine Rasierklinge als Award.

Als bisher erster und einziger deutscher Regisseur war Gregor Erler mit seinem Film „Der letzte Mieter“ vertreten. Gentrifizierung in Berlin? Ja, auch das ist Thema für einen Genrefilm. Vor allem, wenn so ein kleines, gut durchdachtes Kammerspiel in einem furiosen Finale endet. Erler hat den Film selbst finanziert: „Ich hab während dieser Zeit auch Drehbücher für andere Filme verkauft, um Geld für meinen zu bekommen“, erzählt er. Und so ist mit viel Leidenschaft und Durchhaltevermögen, einem Jahr Schreibarbeit am Drehbuch, 25 Drehtagen und nochmal über eineinhalb Jahren Postproduktion sein Langfilmdebüt erschienen. Das Thema Gentrifizierung – nicht gerade ein klassisches Genrethema, aber vielleicht gewissermaßen sozialer Horror – ist Erler wichtig. Zwar sei er nicht generell dagegen, dass sich seine Heimatstadt Berlin verändere, trotzdem müsse man diese Geschichten erzählen, die Geschichten der Kollateralschäden und eines Berlins jenseits von Berghain und anderen Hipster-Klischees. „Ich wollte einen unterhaltsamen Genrefilm machen, der seinem Thema treu bleibt“, sagt Erler. Wer sich davon überzeugen will, ob das auch gelungen ist: Ab Januar ist „Der letzte Mieter“ im Kino zu sehen.

Hexen, coole Mütter und Schweinebraten

Am besten besucht war neben dem Abschlussfilm „Why don’t you just die“, einem echten „Partyfilm“, wie Organisator Florian Scheuerer ihn ankündigte, der Hexenfilm „The Wretched“. Neben den Regisseuren, den Brüdern Drew und Brett Pierce, sind auch der Komponist Devin Burrows und Produzent Chang Tseng nach Regensburg gereist. Richtig gute Hexenfilme sind rar in der Szene, finden sie. „Oft sind Hexen irgendwelche schrumpeligen alten Frauen, die in einer Höhle vielleicht bestenfalls einen Fluch aussprechen“, sagt Drew. „Wir wollten eine richtig gruselige Hexe zeigen.“ Inspiriert habe sie die umfangreiche Hexenmythologie, die ihrer Meinung nach noch gar nicht richtig ausgeschöpft wird – und ihre Mutter.

Das Team von „The Wretched“ war begeistert von Regensburg.

Aber nicht, weil die etwa eine Hexe wäre, wie Brett dazu erklärt: „Unsere Mutter ist genauso eine Rockstar-Mum wie die, die dann später von der Hexe besessen ist.“ Nach ihrem ersten Genrefilm „Dead Heads“, einer romantischen Zombiekomödie, ist ihr zweiter Film jetzt durchaus etwas düsterer und ernster – ein paar lustige Momente gab es trotzdem. Produzent Chang Tseng hatte die beiden samt ihrer Story auch gleich ins Herz geschlossen und war von der Story von Anfang an begeistert. Wie übrigens auch vom „Hardline:Festival“ und der Stadt Regensburg, insbesondere dem Essen dort. „Das war so gut“, schwärmte er und zeigte gleich mehrere Fotos seines Schweinebratens im Auer Bräu her.

Und so ging das diesjährige Highlight für alle Genrefans zu Ende. Man darf gespannt sein, was sich das Team um Organisator Florian Scheuerer nächstes Jahr wieder einfallen lässt. Langweilig wird’s bestimmt nicht.