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16. September 2019

Auferstanden aus Ruinen

Die malerische Felsenstadt im Süden Italiens war lange vergessen. Heute umarmen sich Vergangenheit und Zukunft in Matera brüderlich.

Die malerische Felsenstadt liegt im Süden Italiens. Foto: JFL Photography - stock.adobe.com

Regensburg. Als „höllischen Krater“ beschrieb Carlo Levi, einer der bedeutendsten Intellektuellen der italienischen Nachkriegsgeschichte, einst die Felsenstadt Matera, die sich eigentlich so imposant und malerisch zugleich an die Hochebene der Murgia schmiegt und über einem tiefen Tal, dem Gravina di Matera, thront. Auch der Politiker Palmiro Togliatti schlug Ende der 1940er-Jahre bei einem Besuch in der süditalienischen Region Basilikata in dieselbe Kerbe und bezeichnete Matera als „Schande Italiens“. Doch woher rühren diese unrühmlichen Beinamen? Bis über die Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts hinaus hausten in der Stadt Menschen – zusammen mit ihren Tieren – ohne Wasser, Strom oder Abwassersystem in Höhlen, die sie eigenhändig in den weichen Kalkstein geschlagen hatten.

Mittlerweile sind viele dieser Sassi, so nannten die Bergbewohner ihre Häuser, zu noblen Hotels, Bars, Restaurants oder Geschäften umgebaut worden. Sie versprühen nun einen ganz besonderen Charme, der Gefühle irgendwo zwischen Ursprünglichkeit und Extravaganz hervorruft. Davon war vor 70 Jahren natürlich noch nichts zu spüren – ganz im Gegenteil: Die desaströsen Hygienezustände, die damals in den Sassi herrschten, riefen Anfang der 1950er-Jahre den italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi auf den Plan: Er ordnete die Räumung der Höhlen an und siedelte die Bewohner in Sozialbauten am Rande der Stadt um.

Wandel zwischen den Epochen

Lange Zeit geriet Matera, immerhin eine der ältesten Städte der Welt, in Vergessenheit und die historischen Sassi drohten, mehr und mehr zu verfallen. Auch heute noch sind viele der von wildem Gestrüpp umgebenen Höhlen verlassen und machen einen Stadtrundgang zum wahren Wandel zwischen den Zeiten. Erst in den 1980er-Jahren wurde man sich der Bedeutung der „Stadt der Steine“ bewusst und begann damit, die verlassenen Stadtviertel Sasso Barisano und Sasso Caveoso zu renovieren – 1993 wurden sie gar zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Auch wenn das zu einem deutlichen Anstieg der Touristenzahlen führte, blieb Matera bis heute mehr oder minder ein Geheimtipp für italophile Urlauber. In der Filmbranche dagegen ist das „Betlehem 2.0“ alles andere als ein Geheimtipp: „Ben Hur“, „Wonder Woman“ und „Die Passion Christi“ sind nur ein paar der Filme, denen Matera als Kulisse diente. Auch die Prologszene des neuen „James Bond“-Films wird dort im Juli 2019 gedreht.

Über den Sassi thront die Felsenkirche Santa Maria de Idris. Foto: donfiore - stock.adobe.com

Grund genug, sich einmal ein allumfassendes Bild der ehemaligen Geisterstadt zu machen: Ganz oben auf dem Sasso Caveoso thront die Felsenkirche Santa Maria de Idris, eines von unzähligen in den Berg hineingebauten Gotteshäusern. Neben den zahlreichen Fresken, die sie beherbergt, lohnt sich ein Aufstieg allein schon wegen des Panoramablicks. Und beim Abklappern der Sehenswürdigkeiten fühlt man sich, wie bei nahezu allen Aktivitäten in Matera, als befände man sich auf einer Zeitreise durch verschiedene Epochen.

Einige der Höhlen sind heute für Besucher zugänglich. Foto: Pietro Nicosia -stock.adobe.com

Ein Abstecher vor Materas Stadtmauern sollte daher auch auf keinen Fall fehlen. Hier erstreckt sich auf 8000 Quadratmetern der Park der Murgia, eine Felsenwüste, die neben zahlreichen fast ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten auch primitive menschliche Bauten aus dem Mittelalter beheimatet.

Ein neues Selbstverständnis

Inmitten all der greifbaren Historie und den Zeugnissen aus vergangenen Tagen herrscht mittlerweile wieder reges Leben in Materas Ortskern. Die 60.000 Einwohner starke Provinzhauptstadt beherbergt kleine Kunsthandwerksgeschäfte, moderne Start-ups sowie klassisch italienische Pizzerien und Eisdielen. Das kulinarische Aushängeschild der Steinstadt ist allerdings etwas anderes: das Brot von Matera. Es wird aus dem über die Landesgrenzen hinweg berühmten Hartweizenmehl der Stadt hergestellt und gerne als Cialledda calda, als warmes Brot mit Ei, Lorbeer, Knoblauch und Oliven, gegessen. Dazu gönnt man sich ein Glas guten Wein. Doc Matera im Idealfall – so heißt die Schutzmarke für Weiß-, Rot- und Roséweine aus der Region.

Ganz versteckt liegen in Matera stille Innenhöfe. Foto: e55evu - stock.adobe.com

Das Leben ist also zurück in der verlassenen Stadt. Mehr noch: Heute, angekommen im Jahr 2019, will die Stadt, die man früher am liebsten aus den italienischen Geschichtsbüchern gestrichen hätte, den wirtschaftlich abgeschlagenen Süden Italiens retten. Am Aufbau einer neuen Infrastruktur in der Stadt und der Region wird fieberhaft gearbeitet und kein Tag in diesem Jahr vergeht ohne Kulturevent, denn: Matera ist europäische Kulturhauptstadt 2019 und als Botschafter Italiens zum ganzen Stolz einer Nation geworden.