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Rebecca Sollfrank
06. März 2019

Bewerbung auf Guerilla-Art

Statt immer gleiche Bewerbungen zu schreiben, lassen sich manche Menschen Neues einfallen.

Sich von der Masse abheben: Manche Menschen machen sich viele Gedanken und basteln einzigartige Bewerbungen. Foto: Jacob Lund – stock.adobe.com

Regensburg. Was haben McDonald’s und die Deutsche Bahn gemeinsam? – Die Express-Bewerbung für angehende Mitarbeiter! McDonald’s setzt auf die „One-Minute-Bewerbung“ zwischen McRip und Apfeltasche. Die Bahn „schenkt“ ihren Bewerbern das leidige Anschreiben, weil damit laut DB-Recruiting-Experten die meisten Bewerber so ihre Probleme haben. Schneller, einfacher, digitaler? Tatsache ist: Bewerbung und Mitarbeitersuche werden gleichzeitig kreativer und langweiliger. Wie geht das zusammen?

Swip nach links, Swip nach links, Swip nach rechts … Match! Nutzer der Dating-App Tinder wissen jetzt genau, was Sache ist. Für alle anderen: Wer Tinder nutzt, verrät einem Bot über Facebook intime Informationen und lässt ihn entscheiden, welcher Mensch in der Nähe zu ihm passt – für einen Flirt oder mehr. Genau das machen Talent-Recommender-Systeme im Berufsleben. Sie vergleichen Angaben in Bewerbungen mit Stellenprofilen und entscheiden für den Personaler, welcher Bewerber für ihn überhaupt interessant sein könnte.

Klappt es im ersten persönlichen Bewerbungschat, könnte aus einem Flirt eine arbeitslebenslange Beziehung werden. Nur leider erfahren beide Seiten nie, ob da nicht doch noch ein passenderes Match gewesen wäre, das der Bot eigenmächtig aussortiert hat. Trotzdem: Die Otto-Friedrich-Universität in Bamberg und die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg kommen zusammen mit der Jobbörse Monster in der empirischen Studie „Recruiting Trends 2018“ zu dem Ergebnis: „Drei Viertel der Top-1000-Unternehmen finden die Digitalisierung im Personalwesen gut.“

Originelle Stellenanzeigen

Der schwedische Möbelriese Ikea packte bei einer Neueröffnung zur Aufbauanleitung für das gekaufte Möbel eine „Aufbauanleitung für die Karriere“. Wer schon mal ein Ikea-Teil aufgebaut, hat weiß: Ohne die Anleitung geht es nicht. Dieses Recruiting konnte man nicht übersehen. Über 4200 Bewerbungen führten zu 280 Neueinstellungen, ohne dass Ikea eine klassische Stellenanzeige aufgegeben hätte.

„Mein Chef hat gesagt, dass ich erst in Rente gehen darf, wenn mein Nachfolger gefunden ist. Helfen Sie mir!“ Das Nachmieter-Prinzip machte sich Projektmanager Walter Dillenberger zunutze. Ob diese ungewöhnliche Stellenanzeige von dem Allgäuer selbst ausgedacht oder die Idee seines Arbeitgebers war, ist egal. Der Recruiting-Ratgeber Softgarden hat die Dillenberger-Variante jedenfalls zu einer der authentischsten Stellenanzeigen gekürt.

Per Videogame oder Youtube bewerben

Genau von vornherein die richtigen Bewerber anzusprechen, gelang Google mit einem Riesenplakat, auf dem ein Code abgedruckt war. Diesen Code konnten nur Programmierer mit bestimmten Kompetenzen entschlüsseln und auf das eigentliche Bewerberportal kommen.

So attraktiv eine Stellenanzeige gestaltet sein mag, eine dauerhafte Unternehmer-Mitarbeiter-Beziehung fußt laut Monster-Studie immer noch auf klassischen Tugenden. An erster Stelle ist Mitarbeitern eines wichtig: gute Arbeitsbedingungen. Wenn die Unternehmen nicht halten, was die Recruiter-Anzeigen versprechen, droht Fachkräftemangel.

Übertreiben können es aber auch die Bewerber selbst, die immer mehr auf Kreativität bis hin zur Guerilla-Bewerbung setzen. Gelungene Beispiele gibt es allemal: Robby Leonardi programmierte ein Videogame, in dem sein Avatar von Kompetenz zu Kompetenz hüpft. Den Viraleffekt des Internets nutzte eine 19-Jährige für eine Praktikumsbewerbung beim Radio. Sie rief auf Youtube dazu auf, den Sender mit positiven Zuschriften zu bombardieren. Sie bekam die Stelle.

Die Dame, die mit einem heißen Fön „frischen Wind“ in eine namhafte Werbeagentur bringen wollte, erntete dagegen die Absage, man wisse selbst, wie man heiße Luft produziert. Der „Karriere Spiegel“ warnte in einem Überblick über Guerilla-Bewerbungen 2011 außerdem explizit davor, Lebensmittelpakete zu verschicken, die zumindest im Sommer vergammelt ankommen könnten.

Dass Essbares durchaus gut ankommen kann, bewies nicht nur der spätere Filmemacher Detlev Buck. Als junger (noch) Landwirtschaftslehrling bewarb er sich um eine Filmförderung mit dem Versprechen, einen Sack beste Kartoffeln zu liefern, was er bei der Premiere dann prompt mit dem Traktor erfüllte. Welche Karriere Stefan Raab hinlegte – vom Metzger zum Megamoderator – ist bekannt. Er bewarb sich schon in den 1990ern mit einem Glas Honig. „Schmieren Sie sich den selbst ums Maul, damit ich das im Anschreiben nicht mehr machen muss.“ Alles nur geklaut, liebe Deutsche Bahn …

Rebecca Sollfrank