Der Visionär mit der Hornbrille

Was ihr schon immer über Woody Allen wissen wollten, aber nie zu fragen getraut habt.

„Woody Allen – A Documentary“ läuft seit 5. Juli in den Kinos.

Er gilt als Meister des Erzählkinos, hat Kultfilme auf die Leinwand gebannt und ist nach über 50 Jahren im Geschäft scheinbar aktiver als jemals zuvor: Altmeister Woody Allen (76) ist nun die anschauliche Aufklärung „Woody Allen – A Documentary“ gewidmet.

Allen ist ebenso Dramatiker wie er zum Lachen verführt. Viele seiner Filme halten beständig die Waage zwischen radikalen Wendungen und symphonischer Leichtfüßigkeit, oft sind sie genauso, wie ihr inszeniertes Thema: das Leben selbst, mit all seinen Unvorhersehbarkeiten und Zwischenfällen. Die Figuren in Allens Filmen wirken irgendwie echt, auf jeden Fall originell – und sie reden ziemlich viel. Manchmal ununterbrochen.

Die aktuelle Doku zeigt bisher unveröffentlichtes Material, sowohl aus Allens Privatleben, als auch vom Filmgeschäft selbst. Dem Zuschauer werden exklusive Einblicke hinter die Kulissen solch berühmter Filme wie „Der Stadtneurotiker“ (1977) oder „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) gewährt. Man wird Zeuge seiner vielfältigen Schaffensphasen, vom Comedy-Autor für Fernsehshows über erste Spielfilme und Drehbücher bis hin zu regelmäßigen Verleihungen internationaler Spitzentrophäen für Film und Theater. Dabei gibt sich die Ikone Woody Allen durchweg menschlich, wirkt neben der gewohnten Redselig- und/oder Nachdenklichkeit außerordentlich sympathisch und aufgeschlossen, geradezu freundschaftlich. Ein liebenswerter Nerd, der zwischen Schauspielern und bedeutenden Produzenten schon lange sein Zuhause gefunden hat und dabei Generationen von Filmemachern beeinflusst hat.

Vielleicht ein Punkt, warum der Altmeister stets ins Rampenlicht gerückt wird, ist sein unnachgiebiger Drang nach zu erzählenden Stoffen. Basierend auf seinen Skripten, entwirft er immer wieder Zustände, Episoden im Leben verschiedener Charaktere und zieht den Zuschauer damit mal mehr, mal weniger in seinen Bann. Häufig jedoch „mal mehr“. Auch neuere Streifen wie „Vicky Cristina Barcelona“ oder „Midnight in Paris“ leben gerade von ihrem Hang zum Träumen, laden ein, in schönen europäischen Städten (Allens Nach-Amerika-Phase seit 2005) mit den Protagonisten zu flanieren und erschaffen Bilder von bemerkenswerter Poesie.

Die Dokumentation kommt natürlich auch inhaltlich zu einem guten Zeitpunkt, viel zu bereden gab’s seit jeher über den Mann, aber Anfang August erscheint ja auch sein alljährlicher neuer Film: „To Rome with Love“ heißt er, unter anderem mit Ellen Page, Penelope Cruz und Roberto Benigni in den Hauptrollen. Nach England, Spanien und Frankreich nun also Bella Italia. Allen seien die Altersreisen gegönnt. Doch ereilte natürlich auch den Perfektionisten immer mal wieder eine Kritikerstimme, er würde seine Ideen recyceln, von Ort zu Ort fahren und bekannte Geschichten nur immer wieder anders erzählen.

Diese knapp zweistündige Kinovorführung schließt auf unterhaltsam-unkonventionelle Weise Bildungslücken. Den Mann mit der dicken Hornbrille sollte man schließlich kennen. Und einige seiner Filme auch.

Mehr aus Zeitvertreib.

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