Die EM und der Schland-Fasching

„Schland“ brüllen und Fähnchen ins Gesicht schmieren? Nein danke. Marion Schmid schreibt über den schwarz-rot-goldenen Fasching.

Na, auch schwarz-rot-goldene Hasenöhrchen daheim? Für diese Art von Fußball- Accessoires kann sich kult-Autorin Marion Schmid nicht begeistern.

Ich mag Fußball. Natürlich nur Guten. Und ich schau mir auch gerne internationale Turniere wie die Europameisterschaft an. Was mir aber gehörig auf die Nerven geht, ist der schwarz-rot-goldene Gesichts- und Autofasching, der pünktlich zum Anpfiff der ersten Spiels der deutschen Nationalmannschaft ausbricht. Und nach einem Sieg der „eigenen“ Mannschaft wird der Domplatz zur Partymeile erklärt. Natürlich auch schwarz-rot-gold. Dass das auch nerven kann und vielleicht nicht jeder diesen schwarz-rot-goldenen Feierwahn verstehen kann, möchte keiner der Fanmeilen- und Public-Viewing-Fans hören. Irgendwie trübt das dann doch die Stimmung.

Schließlich feiert man nicht Deutschland, sondern seit der Weltmeisterschaft 2006 fast ausschließlich „Schland“. Gut. Solange mir niemand „Sieg, Sieg, Sieg“ oder „Schweden, du Arschloch“ ins Gesicht brüllt, kann ich über diese eigenartige Feierei auch manchmal etwas schmunzeln. Meistens jedoch schüttle ich den Kopf.

Die Frage, die ich mir immer stelle, ist, warum man sich so mit dieser Mannschaft identifiziert. Erst vor ein paar Tagen hat mit jemand auf die Schulter geklopft und meinte: „Cool, wir haben gewonnen.“ Es ist so ein Wir-Gefühl, dass ich nicht so ganz nachvollziehen kann. Klar, viele Spieler kennt man aus der Bundesliga, weil sie vielleicht da auch wieder für die „eigene“ Mannschaft spielen. Oder aus anderen internationalen Turnieren. Denn viele bekannte Gesichter spielen doch auch für Mannschaften anderer Nationen. Warum also unbedingt pro deutsche Nationalmannschaft?

Wer ein Trikot trägt, dem glaube ich tatsächlich noch, dass er sich für das Spiel selbst interessiert. Wenn ich aber Leute mit schwarz-rot-goldenen Stulpen, Strumpfbändern, Fahnen im Gesicht oder Hasenohren auf dem Kopf sehe, dann vermute ich eher, dass das Hauptinteresse eher dem Spielausgang gilt. Und da zählt nur eines: Die deutsche Mannschaft soll gewinnen, in jedem Fall, verdient oder nicht. Sollte die andere Mannschaft weiterkommen, habe ich mich ja umsonst gestylt. Schwarz-Rot-Gold als Modeerscheinung: EM-Hipster könnte man sie grade nennen. Schon oft habe ich Sätze gehört, wie „Hoffentlich fliegt die deutsche Mannschaft raus, dann muss ich diesen Schwarz-Rot-Gold-Kram nicht mehr sehen!“ Scheinbar geht das nicht nur mir beizeiten gehörig auf den Zeiger.

Bei keiner anderen Sportart ist dieser „Nationalstolz“ so ein großes Thema wie im Fußball. Beim Ironman beispielsweise habe ich niemanden sagen hören: „Hoffentlich gewinnt ein Deutscher.“ Die Sportler wurden alle angefeuert, egal aus welchem Land sie kamen. Sportliche Leistung hat hier wohl einen höheren Stellenwert als die (wie ich finde) unwichtige Frage nach der Nationalität der Teilnehmer. Bei Welt- und Europameisterschaft jedoch schreien die Fans schon drei Stunden vor Anpfiff „Schlaaaand!“. Und das verstehe ich wirklich nicht. Geht’s nicht eigentlich darum, dass bei einem Turnier die beste Mannschaft gewinnt? Manchen Fans fehlt scheinbar die Fähigkeit der differenzierten Betrachtung, und sie brüllen stattdessen aggressive Parolen. Und manchen fällt in ihrem Fußball-Freuden-Taumel gar nicht mehr auf, dass der Inhalt einiger Sprechchöre durchaus bedenklich und manchmal sogar rassistisch ist.

Ich wünsche mir, dass der Sport wieder mehr im Vordergrund steht und nicht das Schland-Gegröle. Sich auf König Fußball konzentrieren und den Fasching daheim lassen. Aber das Lachen und die Freude bitte mitnehmen, zu allen Spielen. Denn die betonte Leichtigkeit dieser Zeit gefällt mir eigentlich ganz gut. Das wäre eigentlich mal was für den Alltag.

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