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Titelfoto: Jochen Quast
04. April 2018

Die Rache einer Frau

Wenn aus Verzweiflung Hass wird: Das Theater Regensburg bringt Euripides’ „Medea“ auf eine nasse Bühne.

Iason (Gunnar Blume) hört vom Chor (Ulrike Requadt), dass Medea (Susanne Berckhemer) die Kinder getötet hat.Jochen Quast

Regensburg. Sie hat ihre Familie verraten, König Kreon und seine Tochter vergiftet und brachte aus Rache an ihrem treulosen Mann ihre eigenen Kinder um. Informiert man sich im Vorfeld über die griechische Mythenfigur Medea, erwartet man ein blutiges Schlachtfeld voller Grausamkeiten.

Stattdessen blickt man bei der Inszenierung von Constanze Kreusch erstmal ins Leere. Auf dem Boden schimmert eine flache Wasserschicht, in der Mitte stehen Bauzäune. Die bedrohliche Stimmung wird von qualvollen Schreien durchbrochen. Doch es sind nicht die Schreie von Medeas Opfer, es sind ihre eigenen. Da stampft sie auch schon wutentbrannt und verzweifelt auf die Bühne, das Wasser spritzt, die Bauzäune krachen. Sie klagt über ihr Schicksal im fremden Land, über den Verrat ihres Mannes, der sie und die Kinder verlassen hat, um die Königstochter Korinths zu heiraten. Aus Angst vor der klugen Medea lässt König Kreon (Oliver Jaksch) sie verbannen, einen Tag noch darf sie bleiben – und der reicht, um das ganze Land ins Verderben zu stürzen. Was dann folgt, ist eine Geschichte der Reaktionen. Denn kaum eines der Handlungselemente bekommt der Zuschauer zu Gesicht. Nur anhand von Dialogen, Monologen, Schreien, Erzählungen der Amme (Doris Dubiel) und Klagen des Chores (Ulrike Requadt) erfährt man, was sich gerade zugetragen hat – eine Erzählweise, die nur mit absolut ausdrucksstarken Schauspielern und einer entsprechenden Grundstimmung funktioniert. Und das tut es hier. Susanne Berckhemer spielt die Medea mit einer solchen Inbrunst, stellt ihre Zerrissenheit, ihren Überlebenswillen und ihren Schmerz so stark dar, dass es einem auch ohne Taten eiskalt den Rücken herunterläuft. Dazu noch Iason (Gunnar Blume), Medeas Mann, der anfangs noch so überheblich ist und dann den Fehler macht, seine Frau zu unterschätzen. Das kahle und bedrohliche Bühnenbild, ein gespenstischer Kinderchor (Cantemus-Chor) und nicht zuletzt das Wasser auf der Bühne – der ganze Boden ist geflutet – sorgen für Kälte und Bedrängnis. Das Wasser mit seiner reflektierenden Oberfläche lässt Raum für Interpretation, gibt Hinweise auf die Argonauten-Vorgeschichte, lässt die Figuren noch mitleidender aussehen und führt zu Anspannungen in der ersten Reihe, wenn sich wieder eine Figur verzweifelt ins Wasser stürzt.