Sitzen und atmen

Wie fühlt es sich an, den Alltag für mehrere Wochen hinter sich zu lassen und sich in klösterlicher Umgebung im Schweigen und „Nicht-Denken" zu üben?

Zen-Garten: Ein Ort der Ruhe und des Rückzugs.

Mein Lieblings-Urlaubsziel liegt gerade drei Zugstunden entfernt, könnte aber exotischer nicht sein. Das merke ich bereits im Vorfeld beim Gespräch mit Freunden und Kollegen: Das Spektrum der Kommentare reichte von "Tagelang nicht reden? Stundenlang nur rumsitzen und versuchen, an nichts zu denken? Das wäre nichts für mich", über „Fahr doch mal ans Meer“ bis hin zu "Das klingt ja interessant!" Tatsächlich tauche ich für die drei Wochen meines Jahresurlaubs in eine fremde Kultur ein – und ziehe mich in die klosterähnliche Stille eines Meditationszentrums zurück. Meine spirituelle Reise führt mich aber nicht in einen indischen Ashram oder ins legendäre Poona zu Oshos Erleuchtungsjüngern, sondern in die unterfränkische Idylle: Rund 25 Kilometer südöstlich von Würzburg liegt eines von Europas bekanntesten spirituellen Zentren.

Noch bevor ich auch nur in die Nähe des Meditationsraums komme, stellt sich bereits eine gewisse Ruhe ein: Das spirituelle Zentrum liegt idyllisch in einem kleinen Dörflein und ist in einem ehemaligen Klosterbau untergebracht, eingebettet in Waldlandschaften und einen wunderbar angelegten Zen-Garten. Die Stimmung bei der Ankunft ist freundlich, beinahe andächtig. Alles scheint auf das Wesentliche reduziert. Spätestens als beim Abendessen die Gäste aufeinandertreffen, erschließt sich der Wert des Schweigegebots: Kein Smalltalk, kein Erfahrungsaustausch, keine Höflichkeitsfloskeln, keine Reiz- und Informationsüberflutung. Das stille Beieinandersitzen und konzentrierte Essen wirken meditativ und helfen, sich auf die Umgebung einzustellen. Und schaffen immer wieder Überraschungsmomente, wie reibungslos die nonverbale Kommunikation am Tisch funktioniert. Bereits kleine Gesten genügen und Milch, Butter oder Brot werden herübergereicht. Durch das Schweigen und das stille Miteinander – Handys, Gespräche auf den Gängen und Türenknallen sind ungern gesehen – fällt es kaum auf, dass hier im Durchschnitt 100 Gäste pro Tag am Hof sind, um zu besuchen oder so wie ich eine mehrwöchige Auszeit nehmen.

Und die Auszeiten klingen tatsächlich wie ein komplettes Gegenprogramm zu dem, was man sich allgemein unter einem erholsamen Urlaub vorstellt: Leben in einem schlichten Raum mit Schrank, Tisch und Bett, aufstehen um fünf Uhr morgens, mehrere Stunden Sitzen auf einem kleinen Kissen, einfache, körperliche Arbeiten wie Boden kehren, Gemüse zerkleinern, Bambus zurückschneiden oder Tisch decken sowie Zubettgehen um spätestens halb zehn Uhr abends. Bereits nach wenigen Tagen stellt sich jedoch eine gewisse Zufriedenheit mit dem schlichten Leben ein.

Doch entgegen der scheinbar vorherrschenden Meinung haben Meditation und innere Gelassenheit erstmal nicht viel miteinander zu tun: Ruhig ist es allenfalls um einen herum. In meinem Inneren scheint genau das Gegenteil zu passieren: Statt Ruhe und Klarheit spüre ich Ungeduld, Schmerz und Ärger (genau das, was mich auch im Alltag ständig plagt), statt neue Erkenntnisse über mein Wesen zu erlangen, muss ich mir von meinem Zen-Lehrer anhören, dass der Fokus im Zen auf den Augenblick, das Jetzt und nicht auf ein Ziel, die Zukunft gerichtet ist. Und ich wohl mit den gleichen Problemen, Konditionierungen und Schwächen nach Hause fahren werde, mit denen ich hierhergekommen bin.

Und offenbar nutzen Geist und Gefühlswelt die äußere Ruhe nur zu gerne, um in den Tiefen meiner Erinnerungen längst vergessene Erlebnisse und Gefühle wieder hervorzukramen. Wann immer es mit meinem Ärger kaum noch schlimmer werden kann und die Gedanken über Stunden zur Dauerschleife werden, bleibt schließlich nur noch die Möglichkeit, der Jahrtausende alten Tradition des Zen eine Chance zu geben, weiter zu sitzen und einfach zu atmen. Sehr viele konkrete Anweisungen gibt es im Zen ohnehin nicht: Wie bei allen mystischen Wegen geht es um die direkte Erfahrung, nicht um eine intellektuelle Schulung – oder wie es der Zen-Lehrer auszudrücken beliebt: „Ich kann noch soviel über eine Speise lesen, wie sie tatsächlich schmeckt, weiß ich nur, wenn ich sie tatsächlich esse.“ Zwar hat das Zen einiges an geschichtlichen und philosophischen Hintergrund zu bieten, doch im Zentrum steht die Übung: Wann immer ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Gefühl, ein inneres Bild, ein Jucken am Arm oder Bein oder schlicht Müdigkeit auftaucht, benutze ich meinen Atem wie einen Anker, um alles andere auszublenden. Ein bisschen ist es wie beim Turmspringen: Trotz Angst und Unsicherheit verlässt man das sichere Terrain der eigenen Gedankenwelt, um beim Eintauchen erleichtert festzustellen, dass man den Sprung überlebt hat und alles gar nicht so schlimm ist.

Je mehr ich im Laufe der Zeit in die Übung eintauche, desto mehr überkommt mich das Gefühl der Demut vor dieser so vermeintlich einfachen Übung und eine Ahnung, wie lange und beschwerlich der Weg sein wird, bis meine Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen werden. Vor allem ein Satz meines Zen-Lehrers hat sich eingeprägt: „Das größte Leid entsteht dadurch, immer etwas zu wollen, anstatt den Moment in seiner schlichten Wahrheit anzunehmen“.

Buchtipps

„Zen im 21. Jahrhundert“, von Willigis Jäger, Doris Zölls und Alexander Poraj, erschienen im Kamphausen-Verlag

„Im Herzen der Stille - Briefe und Tagebücher einer Zen-Schülerin“, von Maura O"Halloran, Fischer Taschenbuchverlag

„Die drei Pfeiler des Zen“, Standardwerk von Philip Kapleau, erschienen im O.W. Barth-Verlag

„Einfach Zen“, von Charlotte Joko Beck, erschienen bei Droemer Knaur

„Lektionen der Stille: Klassische Zen-Texte, Klassische Zen-Worte“ von Helwig Schmidt-Glintzer, erschienen bei dtv

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