Von Tradition bis Design

Zur Volksfestzeit kann man allerhand beobachten. Am schönsten, skurrilsten und lustigsten ist dabei oft die Kleidung der Besucher.

Pracht in Tracht! Dirndl sind schick und voll im Trend – für jeden Typ Frau ist eins dabei.

Es gab eine Zeit, da wurden Trachten verschmäht. Sie waren ein Unterscheidungsmerkmal zwischen „Stodterern“ und den Dorfbewohnern. Trachtenträger wurden immer etwas belächelt. Das hat sich geändert. Inzwischen fallen bei Volksfesten die Nicht-Tracht-Träger auf. Die Tracht wurde zum Modeartikel, die vielen Läden in der Regensburger Altstadt beweisen es. Wie Pilze schossen sie in den vergangenen zwei Jahren aus dem Boden. Unter den Altbekannten aber sind auch Neugründungen wie „Edelnice“. Der Name verdeutlicht, wo es hingeht: mit Vollgas in die Moderne. Der Mief des Brauchtums ist längst verschwunden, die Tracht ist „hip“. Dieser Wandel ist kritisierbar oder zu begrüßen. Nichtsdestoweniger ist – sind wir ehrlich – ein Dultbesuch auch ganz schön amüsant, wenn die Beobachtung der verschiedenen Trachten im Vordergrund steht. Spannend sind dabei vor allem die Dirndl. Denn Lederhose ist Lederhose. Bei den Dirndl-Trägerinnen aber schälen sich vier Typen heraus:

Die Teenagerin

Das Dirndl der Durchschnitts-Teenagerin ist rosa, pink oder lila, die Schürze mit Pailletten und Totenköpfen verziert. Meist auch sehr bis äußerst kurz. Die Strumpfhose ist mindestens gemustert, wenn nicht vielfarbig. Interessant ist auch das Schuhwerk: Entweder sie tragen hochhackige Schuhe oder Chucks beziehungsweise Turnschuhe. Dass beides nicht zum (klassischen) Dirndl passt, ist dabei nebensächlich. Wichtig sind auch die Accessoires, die alle in Form eines Lebkuchenherzens sind. Angefangen von der Lebkuchenherzhandtasche über die Lebkuchenherzohrringe bis hin zur Lebkuchenherzhalskette, auf der „Schatzi“ steht. Das Hauptproblem eines Teenagers, das Wachstum, wird dabei zum positiven Nebeneffekt: Jedes Jahr gibt’s ein neues Dirndl, die Teenagerin bleibt also gezwungenermaßen immer im Trend.

Die Modedesignerdirndl-Trägerin

Die Modedesigndirndl-Trägerin ist Mitte 30, gut betucht. Das Dirndl soll dabei von Kopf bis Fuß Wohlstand ausdrücken. Die Trägerin selbst hat mit Tracht an sich dabei wenig bis nichts zu tun. Anlass für den Kauf war das Oktoberfest, das sie in Begleitung ihres Mannes beim traditionellen Wiesn-Ausflug der Vorstandsebene seines Arbeitgebers besuchen durfte. Zum Dirndl in der aktuellen Saisonfarbe – für diesen Herbst sind das alle „Beerenfarben wie beispielsweise Brombeere“, wie Julia Möbius, Trachtenmodel und Verkäuferin bei Pöllinger, weiß – gesellt sich der Trachtenhut und die Trachtenhandtasche. Gerne mit Namen wie „Sissi“, „Rosenblüte“ und Adjektiven wie „verträumt“ und „verspielt“.

Die ganz „frechen“ haben sich ein „Fifties-Dirndl“ im Stile eines Petticoat gegönnt. Dazu gehört aber auch die passende Frisur und der Schmollmund-Lippenstift. Urbayerisch eben. Aber immerhin war Elvis für eineinhalb Jahre in Friedberg. Das ist ja fast Bayern.

Die klassische Dirndl-Trägerin

Unabhängiger von allen Moden trägt diese Frau seit zwanzig Jahren dasselbe Dirndl. Es wird nur zu besonderen Anlässen angezogen. Also Fahnenweihe oder Hochzeit. Das Dirndl ist lang. Maximal eine Maßkrughöhe über dem Knöchel darf eine klassisch oberpfälzerische Tracht aufhören. Ein Dekolleté ist nicht zu sehen, die Bluse ist bis zum Hals geschlossen. Dazu gibt’s ein Schultertuch – beim Kirchenbesuch ist nackte Haut nicht erwünscht.

Die Lederhosenträgerin

Ganz subversiv emanzipiert sich auch die Trachtenträgerin: nicht nur zu Hause, nein auch in der Öffentlichkeit hat sie die Hosen an. Eine Lederhose mit Trägern und ein kariertes Hemd. Die Emanzipation aber ist nur scheinbar. Trachttragend verbleibt sie in den alten Rollenbildern. Die Kleidung der Knechte und Mägde eignet sich nicht wirklich zur Emanzipation. Dafür aber sind die Lederhosen meist sehr kurz: Sexy sein ist das Ziel.

Das Dirndl hat sich inzwischen als vielseitig erwiesen: sowohl traditionelle Tracht wie auch moderner Modeartikel – es kann beides. Das kann man kritisieren oder gut finden. Schön aussehen tut es aber auf jeden Fall.

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