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Mathis Raabe teleschau - der mediendienst
01. September 2019

Währenddessen ... in Leicester

Mit „The S.L.P.“ veröffentlicht Indierock-Veteran Serge Pizzorno sein erstes Soloalbum. Er erschließt darauf neue Klänge und schreibt trotzdem gewohnt prägnante Songs.

Serigio Lorenzo Pizzorno alias The S.L.P. emanzipiert sich mit seinem Solodebüt vom Werk seiner Stammband Kasabian. Foto: Aitor Throup

Regensburg. Sergio Lorenzo Pizzorno, der sich nun also bei den Initialen rufen lässt, ist bis dato primär als Gitarrist und Haupt-Songwriter der britischen Rockband Kasabian in Erscheinung getreten. Warum entscheidet man sich nach knapp 20 Jahren Musikerdasein zum ersten Mal, ein Nebenprojekt ins Leben zu rufen? Um Abstand zu gewinnen und sich auszuprobieren, lässt Pizzorno durchscheinen. Die erste Single „Favourites“ erzählt im Dialog mit Rapperin Little Simz von einem schlechten Date und endet mit Autotune-gefiltertem Gesang. Ein solcher Song würde im Kasabian-Kanon nicht unbedingt überraschen: Die Band aus Leicester experimentierte schon auf ihrem selbstbetitelten 2004er-Debütalbum mit HipHop und elektronischer Musik. Pizzorno hat inzwischen den Ruf, der ambitionierteste Genremixer der Gruppe zu sein. Ist „The S.L.P.“ also der Befreiungsschlag eines Musikers, der vom Erfolg seiner Band lange Jahre im Zaum gehalten wurde?

Schon der Opener, das Instrumentalstück „Meanwhile ... In Genova“, wandelt sich ununterbrochen: Er beginnt mit Cembalo-artigen Klängen, entwickelt sich dann zu einer Psychedelic-Rock-Nummer, die auch von Tame Impala stammen könnte, und endet wie die Titelmelodie zu einem Italo-Western. Es gibt drei Songs, die mit dem Wort „Meanwhile ...“ beginnen und das Album gliedern. Sie verweisen recht plakativ (immerhin kommt diese Art der Überleitung aus der Welt der Comics und Cartoons) auf die zahlreichen Stil- und Motivwechsel.

Selten vorhersehbar, immer prägnant

Vor allem im Umgang mit seinem Gesang, mit Stimmfarben und Effekten, scheint Pizzorno im Gegensatz zu Kasabian-Produktionen alle Register durchspielen zu wollen; auch Field Recordings und Samples finden sich vermehrt. Sowohl „((Trance))“ als auch „Soldiers 00018“ arbeiten mit verzerrten Vocals. Der eine Titel ist ein hymnischer Song, den man bei Sonnenuntergang oder zum Ende einer Partynacht hören möchte, der andere eine düstere EBM-Nummer mit Marschrhythmus.

Man kauft dem 38-jährigen Pizzorno ab, dass er für sein Soloprojekt die Gitarren und Synthesizer erst einmal in die Ecke gestellt hat, um neue Sounds für sich zu erschließen. Sein Befreiungsschlag ist keine Ansammlung zwölfminütiger Krautrock-Songs geworden. „The S.L.P.“ klingt zwar selten vorhersehbar, aber trotzdem gewohnt prägnant. Vielleicht erreicht Pizzorno mit seinem neuen Alter Ego endlich das geschmäcklerische Publikum, das er sich insgeheim schon lange zu wünschen scheint.

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