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13. März 2019

Wer ist hier das Monster?

Das Theater Regensburg erweckt Frankensteins Monster in einer modernen Inszenierung erneut zum Leben.

Victor Frankenstein (Jonas Hackmann) will seinem Wesen aus toter Materie (Philipp Quest) neues Leben einhauchen. Foto: Marion Bührle

Regensburg. Kopf oder Zahl? Noch stehen zwei Männer auf der Bühne, bereit als Wissenschaftler Victor Frankenstein den Nobelpreis entgegenzunehmen. Die Münze entscheidet, welcher der beiden Schauspieler Philipp Quest und Jonas Hackmann heute Victor Frankenstein spielt und wer das Monster. Dieses ungewöhnliche Spiel der Rollenzulosung deutet etwas an, dass wir im Laufe des Stücks mehr und mehr verstehen werden: Wer Monster und wer Mensch ist, ist nicht eindeutig.

Schöpfer und Kreatur

Die Wahl fällt auf Quest als Wesen, der sogleich in der nächsten Szene seinen Anzug gegen einen blutverschmierten Morphsuit tauscht und regungslos und mit Infusionen und Elektroden verkabelt an einer Liege in Kreuzform hängt.

Ein Elektroschock beutelt den leblosen Körper, ein zweiter, ein dritter – nichts passiert. Enttäuscht erklärt Victor Frankenstein sein Experiment, menschliche Organe mit synthetischer Hülle zu vereinen, als gescheitert und verlässt den Raum. Als er wiederkommt, stellt er fest: Es lebt!

Anstatt sich seiner anzunehmen, weist der Schöpfer seine Kreatur angewidert von sich. Ein Fehler. Nackt und ohne Namen irrt sie umher, lernt trotzdem, entwickelt sich, erkennt Gut und Böse. Die Ablehnung und Gewalt, die es wegen seines Aussehens von anderen Menschen erfährt, machen es jedoch zunehmend einsam, kalt und aggressiv. Als es schließlich seinen Schöpfer aufspürt und ihn um einen Gefallen bittet, eskaliert die Situation.

Gut 200 Jahre ist es her, dass Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ veröffentlicht wurde. Heute ist der mystische Stoff hochmodern und wurde unter Regie von Sam Brown entsprechend in unserer Zeit verortet. Darf der Mensch neues Leben schaffen oder ist das „Gott spielen“? Wo hört die Neugier der Wissenschaft auf und wo beginnt die Besessenheit nach Macht? Ist ein Schöpfer für seine Kreatur verantwortlich? Dies sind die Fragen, die auf der Simon Lima Holdsworth geschaffenen, düsteren Bühne aufgeworfen werden. Kaltes Licht, harte Konturen und medizinisch-steril anmutende Kulissen zeigen, wie wenig herzlich die Welt ist, in der das Wesen nach Liebe und Anerkennung sucht.

Intensives Spiel

Wenn Philipp Quest als Wesen aufblüht, sich kindlich an die Dinge unserer Welt herantastet, wissbegierig lernt und emotionale Kontakte knüpft, dann aber doch immer wieder qualvoll am eigenen Leib spüren muss, dass die Menschen ihn ablehnen und selbst sein Schöpfer ihn betrügt, bricht es einem als Zuschauer schon fast das Herz. Man kauft Quest beide Spielweisen zu hundert Prozent ab: die kindlich-naive-Art wie die mörderisch-verzweifelte.

Genauso überzeugend spielt Hackmann den Victor Frankenstein. Niedergeschlagen und dann doch wieder übermütig von einem vermeintlichen Gottkomplex ist diese Gestalt nicht minder zerrissen als ihre Kreatur. Beide Schauspieler verkörpern ihre Rollen so intensiv, dass es wahrscheinlich keinen Unterschied macht, auf welche Seite die Münze fällt.

Weitere Infos zu Aufführungsterminen sowie Tickets gibt es auf www.theater-regensburg.de.