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05. Juni 2019

„Wir brauchen ganz reale Orte“

Der Düsseldorfer Künstler Marcus Kaiser ist derzeit in Regensburg zu Gast und zeigt einige seiner Installationen in der neuen Bahnhofstunnel-Galerie. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Zu „Ich zeige den Steppengrillen meinen Wald“ gehören neben Kaisers Pflanzen auch lebendige Mittelmeer- und Steppengrillen, die in ihrem leuchtenden Haus immer wieder zu zirpen beginnen. Foto: Maria Stich

Regensburg. Es ist eröffnet! In diesem Fall ist allerdings nicht die Rede vom Museum der Bayerischen Geschichte, sondern vom Art Lab Gleis 1-9, das in der ehemaligen Bahnhofsunterführung am Hauptbahnhof künftig als Galerie für Künstler dient. Den Anfang macht Marcus Kaiser, der uns im Interview verraten hat, welche Rolle Ort und Zeit für seine Arbeit haben.

Herr Kaiser, Sie malen, Sie spielen Violoncello, Sie ziehen Ihre eigenen Pflanzen groß. Was sind Sie denn nun: Maler, Musiker oder Gärtner?

Kaiser: Ich kann meine Arbeit nicht in diese Kategorien aufteilen. Zuerst habe ich ja in Düsseldorf Violoncello studiert und dann an der Kunstakademie. Vielmehr beschäftige ich mich mit Zeit, Dauer und Wachstum – was in allen diesen Ausdrucksformen vorkommt.

Wie unterscheidet sich die alte Bahnhofsunterführung von anderen Ausstellungsorten?

Ich hatte schon einige Ausstellungen an ungewöhnlichen Orten, wie einem Bunker oder einer null Grad kalten Halle. Aber dieser Tunnel ist allein durch seine Maße – 60 Meter lang und 5,30 Meter breit – charakteristisch. Ein Tunnel, ein Gang ist ja eigentlich kein Aufenthaltsort. Man braucht sie, um irgendwo hinzukommen, aber sie sind nie Ziel. Deshalb war es eine tolle Herausforderung, die Situation hier umzudrehen und aus der Durchgangszone eine Verbleibzone zu machen.

In vielen Ausstellungen sind die Künstler nur für die Vernissage anwesend. Warum haben Sie sich dazu entschieden, möglichst viel vor Ort zu sein?

Zum einen denke ich so eine Ausstellung als ein Musikstück. Das heißt, das Stück beginnt mit der Eröffnung und hört am 28. Juli auf. Zum anderen es ist mir unglaublich wichtig, in unserer technisierten Zeit Präsenz zu zeigen. Wir brauchen ganz reale Orte, wo wir uns ganz real begegnen, wo wir Zeit haben.

Stichwort Zeit: Wie viel davon sollten Besucher mitbringen?

Der Besucher kann hier durchgehen wie er durch einen Garten oder Wald gehen würde, einfach Hin und Her. Aber er kann auch öfter kommen, sich intensiver damit beschäftigen. Bei genauem Hinschauen entdeckt man viele Zusammenhänge zwischen den Arbeiten. Denn auch wenn es einzelne Stücke sind, ist es auch eine Gesamtinstallation, eine Klanginstallation, eine Lebensrauminstallation.

Wenn man noch mehr Zeit mitbringt, kann man auch mit Ihnen Tee trinken.

Ja, ich lade die Besucher dazu ein, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und eine Tasse Schwarztee mit mir zu trinken. Die Teebeutel werden dann wiederum Teil der Skulptur „Ich/Verwurstelung“, einer Art Selbstporträt, das ich 1989 begonnen habe.

Können Sie kurz noch den Titel der Ausstellung „Opernfraktal“ erklären?

Das ist mehr oder weniger eine Erfindung von mir. Da steckt die Oper drin, aber auch das lateinische Wort operare, was tätig sein heißt. Und Fraktal ist ein Begriff der Mathematik, der wiederkehrende organische Figuren in verschiedenen Dimensionen bezeichnet.