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Titelfoto: Simon Gehr
15. Februar 2018

Abklopfen, bis der Gong ertönt

Heute im großen kult-Sporttest: Redakteur Robert Torunsky lernt von Weltmeisterin Hannah Rauch am eigenen Körper, wie man beim Brazilian Jiu Jitsu den Gegner auf unterschiedlichste Art zum Aufgeben zwingt.

Überwürfe, Konter und Haltegriffe, die den Gegner zum Abklopfen zwingen sollen, und die entsprechenden Verteidigungsoptionen lernt kult-Redakteur Robert Torunsky von Weltmeisterin Hannah Rauch. Foto: Simon GehrSimon Gehr

Als ich Hannah Rauch, die amtierende Weltmeisterin im Brazilian Jiu Jitsu, wenige Tage vor meinem Probetraining beim Sparring mit ihrem Lebens- und Trainingspartner Jan Zander, seines Zeichens Weltmeister im Mixed Martial Arts (MMA) des AFSO-Verbands, zusehe, weiß ich: Das wird kein Zuckerschlecken. Die Mischung aus traditionellem Jiu Jitsu, Ringen und Judo verfolgt schließlich das Ziel, den Gegner zum Aufgeben zu zwingen. Dieses Bewusstsein verfestigt sich noch nach Hannahs mit einem frechen Lachen begleiteter Warnung: „Nimm Dir nach dem Training für den Folgetag nicht zu viel vor.“ Das gibt mir ein wenig zu denken – obwohl ich als Handballer robusten Körperkontakt gewöhnt bin und auch mag.

Schuhe müssen draußen bleiben

Vor der Eingangstür zur Fight Fusion Academy, die Hannah und Jan 2012 gegründet haben, um ihren Sport professionell ausüben zu können, finden sich etliche Paare Schuhe. In dem mit Matten ausgelegten Trainingsraum wird barfuß gekämpft. Nachdem ich in meinen Gi genannten Jiu-Jitsu-Anzug geschlüpft bin, geht es auch schon auf die Matte. Die beiden Weltmeister begrüßen die 15 Teilnehmer starke Trainingsgruppe. Die erste Besonderheit: Frauen und Männer trainieren gemeinsam. Erstaunlich ist, dass das gemeinsame Aufwärmen sehr der Handballroutine ähnelt: Erst lockeres Joggen im Karree des weitläufigen Trainingsraums, später Side Steps, Armkreisvarianten mit Hopserlauf und Anfersen. Das war’s dann aber auch erst mal mit den Parallelen, denn anschließend werden die Matten einbezogen. Rolle vorwärts, Rolle rückwärts und Fallschule stehen auf dem Programm, denn kontrolliertes Fallen ist elementar für das Brazilian Jiu Jitsu. Das Warm-up wird dann mit dem „Gator Walk“ beendet, einer Kombination aus Liegestütze und Kriechgang, die echt richtig schlaucht. Nun demonstrieren die beiden Trainer verschiedene Griffe und Techniken, an denen in der Einheit besonders gefeilt werden soll – je nach Können beziehungsweise Gurtfarbe bekommen die Schützlinge unterschiedliche Aufgaben gestellt. Dazu gehören Überwürfe, Konter und Haltegriffe, die den Gegner zum Abklopfen zwingen sollen, und die entsprechenden Verteidigungsoptionen. Jan und Hannah überwachen die Trainingspartner mit geschultem Auge und geben nützliche Tipps. Was mir besonders gefällt: Auch als Anfänger kann man sofort loslegen und Grundtechniken ausführen. Nach einigen Wiederholungen klappen die Techniken schon recht gut, was natürlich sehr motiviert. Nun geht es in den Drill über: Die gelernten Techniken sollen in höchstem Tempo korrekt ausgeführt werden. Das Tempo ist wettkampfnah und man wundert sich, wie lange 90 Sekunden doch dauern können. Danach Rollentausch, der Verteidiger wird zum Angreifer.

Intensiver geht’s kaum

Anschließend folgt der Höhepunkt eines jeden Brazilian-Jiu-Jitsu-Trainings: das Sparring. Trainingspartner auf ähnlichem Niveau versuchen, ihr Gegenüber zur Aufgabe zu zwingen – und das ohne Vorgabe. Intensiver geht’s kaum. Meine Kontrahentin ist Hannah Rauch – das mit dem ähnlichen Niveau kehren wir dabei mal unter die Matte. Die groß gewachsene, schlanke 28-Jährige lädt mich ein, sie auf verschiedene Arten zu attackieren. Mein Beinfegerversuch wird mit einem Gegenbeinfeger gekontert und auch all meine anderen, bewusst unterschiedlich gewählten Überrumpelungsversuche schlagen kläglich fehl. Ob Armhebel, Würgegriffe, Kopfschere oder andere heftige Griffe – ich habe keine Chance und klopfe ab. Immer und immer wieder – bis der Gong mich rettet. Nach dem aus dem Mannschaftssport bekannten abschließenden gemeinsamen Abklatschen habe ich es überstanden. Der angedrohte Muskelkater stellt sich am Folgetag moderater ein als erwartet und ich trage auch weitere Erinnerungen an meinem Körper. Aber das kenne ich vom Handball auch nicht anders.

Mein Fazit: Brazilian Jiu Jitsu ist anders als viele Kampfsportarten – und vermutlich am vielseitigsten. Besonders gut hat mir gefallen, dass auch Einsteiger gleich super mitmachen können und dass sich die beiden Trainer selbst so einbringen. Wo hat man schon gleich zwei amtierende Weltmeister als Sparringspartner? Brazilian Jiu Jitsu trainiert den ganzen Körper – Hannah Rauchs stahlharte Muskelpartien durfte ich aus nächster Nähe kennenlernen – und auch den Geist, da man sich auf viele unterschiedliche Angriffe des Gegners einstellen muss. Die Atmosphäre ist toll, man powert sich aus und hat die Möglichkeit, beinahe täglich zu trainieren. Ein toller, anspruchsvoller Sport – für Männer und Frauen.