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Titelfoto: Archiv
01. Juli 2016

Das Glück im Schwammerl

Ein Straubinger betreibt Regensburgs putzigstes Café.

Wer vom Hauptbahnhof aus in Richtung Regensburger Altstadt geht, wird vom Milchschwammerl und dem darin befindlichen Stehcafé empfangen.Archiv

Regensburg. Der Milchpilz in der Regensburger Bahnhofsallee war erst knapp der Abrissbirne entgangen, als der Straubinger Gerhard Probst dort ein Stehcafé eröffnete. Neun Jahre später genießen Café und Wirt Kultstatus – beide sind zu echten Regensburger Originalen geworden.

Eine Stadthalle soll hin, eine neue zentrale Busdrehscheibe auch: Für die künftige Gestaltung des Bereichs nördlich des Regensburger Hauptbahnhofs gibt es ehrgeizige Pläne; ob und wie sie umgesetzt werden, steht jedoch in den Sternen. Bis dato machen den Ort sowieso keine Großprojekte sondern ein klitzekleines Bauwerk zu etwas Besonderem. Man muss nämlich nur wenige Meter in die Bahnhofsallee hineingehen, um auf ein authentisches Stück Regensburger Lebensart zu treffen: das Stehcafé im Milchschwammerl mit seinem Inhaber Gerhard Probst.

Am 25. Mai waren es genau neun Jahre, dass der Straubinger die putzige Immobilie mit der Fliegenpilz-Optik übernommen hat. 40 derartige „Milchverbrauchswerber“ wurden in den 50er-Jahren vor allem im süddeutschen Raum errichtet, das Regensburger Exemplar ist eines von nur vier übrig gebliebenen. Fast hätte auch in der Bahnhofsallee die Abrissbirne zugeschlagen – nur die 2003 erfolgte Eintragung in die Denkmalliste rettete das Bauwerk – doch seit Probst hier ein Café etabliert hat, erlebt der Milchpilz seinen zweiten Frühling.

Von Anfang März bis Anfang Dezember steht der 54-Jährige mit dem markanten Ziegenbart täglich außer samstags in seinem winzigen Reich und reicht den Gästen Kaffeespezialitäten durchs Fenster. 70 bis 80 Prozent, so schätzt er, sind Stammkunden. „Mütter, die schon in der Schwangerschaft ihren Kaffee bei mir getrunken haben, müssen längst eine heiße Schokolade mitbestellen, weil die Kinder mit dabei sind – so lange bin ich schon da“, lacht Probst.

Was ihn besonders freut: Beim Milchschwammerl gibt’s keine sozialen Grenzen. „Ob Bankangestellter oder Rentner, Schüler oder Geschäftsmann, bei mir trifft sich alles.“ Das liegt mit Sicherheit auch an seiner besonderer Gabe, für jeden die richtige Ansprache parat zu haben. Er findet immer ein Thema für einen Ratsch; selbst die Straßenkehrer oder Polizisten, die nicht zum Kaffeetrinken, sondern zum Arbeiten in der Allee unterwegs sind, bekommen ein paar nette Worte mit auf den Weg.

Dabei war es vor neun Jahren keineswegs selbstverständlich, dass Milchschwammerl und Probst zur perfekten Symbiose werden. Quasi von heute auf morgen ist der gelernte Zimmerer damals in sein neues Leben als Cafetier gerutscht. „Ich war ein totaler Neuling, hatte vorher nie in der Gastronomie gearbeitet“, erzählt er. Sich in dieser schwierigen Branche nicht nur zu halten, sondern zur Kultfigur zu werden, schaffen nicht viele. „Dass das geklappt hat, freut mich schon“, schmunzelt er.

Erreicht hat Probst dies aber nicht nur durch seine Leutseligkeit. Fleiß und Disziplin spielen eine mindestens ebenso große Rolle. So kommt es für ihn beispielsweise nicht infrage, das Stehcafé an Tagen mit schlechtem Wetter und erwartbar niedrigem Umsatz einfach geschlossen zu lassen. „Meine Stammgäste kommen ja trotzdem“, weiß Probst. Und ein Wirt, auf den sich die Klientel nicht verlassen kann, will er auf keinen Fall sein: „Wer in einer Eisdiele oder im Freibad arbeitet, kann ja auch nicht einfach zu machen, wenn’s mal tröpfelt.“ Um pünktlich um 9 Uhr aufsperren zu können, muss der Straubinger täglich um halb acht Uhr aus dem Haus. Wenn er abends heimkommt, bleibt noch Zeit zum Essen, Duschen und vielleicht für ein Glas Wein. Immerhin: Während er in seinen ersten Milchschwammerljahren sieben Tage die Woche durchgearbeitet hat, gönnt er sich jetzt einen freien Samstag. Wenn dann das Wetter passt, widmet sich der gebürtige Kötztinger seinem einzigen großen Hobby: Motorrad fahren im Bayerischen Wald.

So führt er nach eigenen Worten ein „schönes, langweiliges Leben“. Dass er längst zu einem Regensburger Original geworden ist, das sogar in Reiseführern oder in der „Zeit“ mit dem schwärmerischen Hinweis auf den „besten Kaffee der Stadt“ gefeiert wird, will er nicht an die große Glocke hängen: „Das sollen andere beurteilen. Wenn man immer so vor sich hinarbeitet, merkt man so etwas selber gar nicht.“

Viel lieber gibt er die Komplimente an seine Stammkundschaft weiter. Die zahlreichen Glückwünsche zum neunten Geburtstag des Stehcafés im Milchpilz hat Probst daher stets mit dem Satz „Ihr seid’s schuld“ erwidert. Wenn’s so bleibt, können alle zufrieden sein. Gerhard Probst und seine Gäste sowieso – aber zu einem kleinen Teil auch die Regensburger Stadtplaner. Weil die großen Lösungen in Sachen Stadteingang vermutlich noch längere Zeit auf sich warten lassen werden, wird die Aufgabe des freundlichen Empfangs auch weiterhin vom Milchschwammerl übernommen.