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Jonathan Ederer
Titelfoto: Christoph Gabler
30. Juni 2020

„Das Transit-Baby zur Welt bringen“

Diesen Herbst soll das Transit-Filmfest an den Start gehen. Festivalleiterin Chrissy Grundl verrät, wie es um das Festival steht.

Die neue Heimspiel- beziehungsweise Transit-Leitung: Stefan Wallner, Chrissy Grundl und Felix Rieger (hinten). Foto:Christoph Gabler

Regensburg. Seit vergangenem Jahr ist Chrissy Grundl Festivalleiterin des ehemaligen Heimspiel-Filmfests. Dass nach dem Übergangs-Festival im vergangenen Jahr jetzt ausgerechnet zum Relaunch des Transit Filmfests Corona dazwischenkommt, ist bitter. Im Interview erklärt sie, wie sie und ihr Team auf Hochtouren arbeiten, um ihr „Transit-Baby“ auf die Welt zu bringen.

Chrissy, seit letztem Jahr leitest du das Filmfest und hast es sogar umgetauft. Warum?

Chrissy Grundl: Als ich letztes Jahr gemeinsam mit Felix Rieger und Stefan Wallner die Heimspiel-Festivalleitung übernommen habe, war uns relativ schnell klar, dass wir die „klassische“ Zählung nicht so einfach weiterführen wollen. „Heimspiel 11“ hätte sich in dieser neuen Konstellation – auch ohne den Festivalgründer und unseren langjährigen Mentor, Dr. Sascha Keilholz, – irgendwie nicht richtig angefühlt. Der Name Heimspiel wurde von Sascha damals gewählt, weil das Festival ursprünglich nur deutschsprachige Produktionen gezeigt hat. Außerdem gibt es in Regensburg ja bereits seit vielen Jahren das Heimspiel Festival der Alten Mälzerei, bei dem regionale Bands, Musiker und Musikerinnen vorgestellt werden. Die Namensdoppelung fand ich nie ideal. Wir wussten, dass es eine Festivalausgabe im Übergang sein würde und wollten diese Umbruchsituation auch im Inhalt und im Namen widerspiegeln: Heimspiel im Transit war geboren.

Und was steckt hinter dem Namen Transit?

Darin spiegeln sich konzeptuelle, programmatische und auch gesellschaftliche Ideale und Ansprüche wider, die wir in unserem Festival verwirklichen wollen: Transit steht für Offenheit und Veränderung, für Diversität und auch für die Vorstellung, dass gesellschaftliche Normen nicht in Stein gemeißelt sein sollten. In unserem Festival wollen wir offen bleiben für Experimente, neue Formen, Filmsprachen und Geschichten, die nicht unbedingt dem typischen Mainstream-Kino entsprechen. In diesem Jahr hätten wir die erste Ausgabe des Transit Filmfests eigentlich mit einem großen Knall an den Start bringen wollen. Und dann kam Corona ...

Wie kam es eigentlich dazu, dass du die Leitung übernommen hast?

Als Sascha damals die Leitung des IFFMH (Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg) übernommen und mich gefragt hat, ob ich gemeinsam mit Felix und Stefan die Leitung der 2019er Ausgabe übernehmen will, saß ich eigentlich gerade auf gepackten Koffern. Ich bin in Regensburg geboren, habe dort viele Jahre studiert und an der Uni gearbeitet. Jetzt wollte ich mein Glück in der Großstadt versuchen. Gleichzeitig war es auch in den vielen Jahren, in denen ich für Heimspiel gearbeitet habe, immer schon ein Traum, irgendwann ein eigenes Filmfestival zu haben. Deswegen fiel dann auch schnell die Entscheidung, hier zu bleiben. Ich habe die Seminarleitung für das Festival-Projektseminar und einen Teilzeitjob bei einem Regensburger Filmverleih angenommen, um die Festivalorganisation mit der Berufstätigkeit in Einklang zu bringen. Das ist nicht immer leicht – ein Festival zu leiten, ist eigentlich ein Fulltime-Job.

Als wie groß empfindest du die Verantwortung?

Klar, die Verantwortung ist groß und Corona macht die Situation nicht gerade leichter. Aber ich habe ein großartiges Team aus enthusiastischen Festivalfreaks hinter mir, auf das ich mich zu hundert Prozent verlassen kann. Jede und jeder Einzelne arbeitet eigenverantwortlich und ich habe vollstes Vertrauen, dass wir im Herbst gemeinsam etwas Tolles auf die Beine stellen werden!

Wie hat Corona diesen Umbruch-Prozess beeinflusst?

Die Pandemie hat uns so hart und überraschend getroffen wie den Rest der Welt. Kurz nach der Berlinale im Februar, die traditionell immer der Sichtungsstartschuss für unser Festival ist, kam erstmal alles zum totalen Stillstand. Die Film- und Kinobranche lag völlig lahm und lange war nicht klar, ob das alljährliche Uni-Projektseminar zur Planung, Organisation und Durchführung des Festivals überhaupt stattfinden kann. Für mich war das natürlich auch erstmal ein ziemlicher Schock – ausgerechnet die erste eigene Festivalausgabe stand unter dem schlechtesten Stern, den man sich denken kann. Aber gleichzeitig habe ich auch das beste, motivierteste und tollste Team, das man sich wünschen kann. Gemeinsam mit dem im Januar gegründeten gemeinnützigen Verein Hör & Schau e.V. haben wir dann schnell entschieden, dass wir den Kopf nicht in des Sand stecken, sondern versuchen wollen, unser Transit-Baby irgendwie zur Welt zu bringen.

Was macht ihr, falls im Herbst die zweite Welle kommt?

Das Transit Filmfest ist wie das Heimspiel ein Festival für Kinofreunde. Für uns steht die Filmvorführung in den Regensburger Programmkinos im Mittelpunkt, deswegen kam eine reine Online-Version für uns nie infrage. Viele der großen Filmfestivals sind diesen Weg in den letzten Monaten zwar gegangen und waren dabei teilweise auch sehr erfolgreich, für uns als kleines Publikumsfestival macht diese Form aber nicht viel Sinn. Trotzdem wollen und müssen wir uns darauf einstellen, dass die Situation in den Kinos im Herbst (noch oder wieder) angespannt ist. Deswegen arbeiten wir gerade an Lösungen, wie wir die Auflagen in den Kinos mit den Anforderungen der Verleihe am besten zusammenbringen und unserem Publikum zusätzlich den Zugang zu digitalem Content ermöglichen können.

Jonathan Ederer