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Anika Freier
19. März 2020

Gefährlicher Egoismus

„Wir müssen endlich aufhören, uns nicht als Betroffene zu sehen, nur weil wir jung sind: Corona geht uns alle an“, sagt unsere Autorin.

Noch schnell ein Sonnenbad auf der Jahninsel oder ein Grillfest mit Freunden, beides ist in Zeiten von Corona ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Foto: Mathias Wagner

Regensburg. Das erste, warme Frühlingswetter der vergangenen Tage war der ideale Nährboden für das Coronavirus: Schlangen an Eisdielen, volle Cafés, Menschengruppen in Biergärten und Parks. Klar, man weiß von dem Virus, dass man eigentlich die eigenen vier Wände nicht verlassen soll. Aber das Wetter ist endlich schön und was soll’s, im Zweifel kriegen wir ein bisschen Halsweh, Fieber und Husten, ist doch nicht so schlimm. So weit, so egoistisch.

SARS-CoV-2 ist ein neuartiges Virus, das unser Immunsystem noch nicht „kennt“. Im Schnitt steckt ein Infizierter zwei bis drei andere Menschen an, und da es in absehbarer Zeit keinen Impfstoff geben wird, verbreitet sich das Virus extrem schnell. Übertragen wird es nicht nur durch unbedachtes Husten, auch persönliche Gespräche von mehr als 15 Minuten und Schmierinfektionen, wenn Viren beispielsweise über die Hände an die Schleimhäute von Nase oder Augen gelangen, sind möglich. Die Inkubationszeit beträgt 14 Tage (zum Vergleich: bei der Grippe sind es zwei Tage), und solange kann das Virus unerkannt bleiben – zwei Wochen, in denen Betroffene ansteckend sind, ohne es zu merken. Sich vorzustellen, wie viele Menschen in diesem Zeitraum infiziert werden und dann wiederum weitere Menschen infizieren, ist nicht schwer.

Nun ist das für junge Menschen mit intaktem Immunsystem nicht so schlimm, denn bisher sind in dieser Gruppe kaum schwere Verläufe bekannt. 80 Prozent der Infektionen verlaufen mit leichten Symptomen, und nur etwa 40 Prozent der Infizierten fühlen sich abgeschlagen, selbst Fieber hat nicht jeder. Wie stark oder schwach diese Symptome auftreten, hat aber keine Auswirkung auf die Ansteckungsgefahr für andere.

Wirklich gefährlich ist eine Corona-Infektion hingegen für die Risikogruppe. Dazu zählen viele Eltern und wohl alle Großeltern – ab einem Alter von 50 Jahren gilt man als gefährdet, ein schwerer Verlauf mit Krankenhausaufenthalt ist hier deutlich wahrscheinlicher. Aber einer großen Gruppe von Menschen sieht man nicht an, dass sie auch in die Risikogruppe fallen: Asthmatiker zum Beispiel, Diabetiker und Raucher, aber auch Querschnittgelähmte oder Menschen mit Glasknochen, die einen Husten nicht einfach weghusten können. Für diese Menschen kann das Corona-Virus lebensgefährlich werden.

Die einzig wirksame Gegenmaßnahme besteht bislang darin, die Ausbreitung des Virus zu verzögern, damit die Intensivstationen nicht unter einem Massenanfall von Corona-Patienten kollabieren. In Italien lässt sich nachvollziehen, wie weit es kommen kann, wenn sich das Virus zu schnell verbreitet – und die Ausgangssperre gehört dabei nicht zu den gravierendsten Problemen. Wollen wir wirklich, dass Ärzte auch bei uns in Deutschland die furchtbare Entscheidung treffen müssen, welcher Patient beatmet werden kann und welcher sterben muss?

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig es ist Sozialkontakte auf ein absolutes Minimum zu beschränken und das Haus nur zu verlassen, wenn es wirklich nötig ist. Natürlich ist das alles abstrakt: man sieht das Virus nicht, man merkt im Zweifel nicht gleich oder gar nicht, dass man krank ist, man will – und das ist völlig verständlich – seine Freiheit nicht einschränken. Aber jeder, der sich jetzt nicht einschränken lassen will, muss mit dem Bewusstsein leben, zu einer Verschärfung der Krisensituation beigetragen und möglicherweise den Tod von Menschen mitverschuldet zu haben. Das Problem ist nämlich nicht, dass wir ein bisschen Husten und Halsweh bekommen können. Das Problem ist, dass Menschen sterben können. Unsere Solidarität sollte so weit reichen, das miteinander verhindern zu wollen.

Anika Freier