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Jonathan Ederer
Titelfoto: Jonathan Ederer
19. Juli 2020

Goethe und die nördlichste Stadt Italiens

Goethe war einmal in Regensburg. Über seine Zwischenstation schreibt er in seinem noch heute hochaktuellen Reisebericht „Italienische Reise“ aber nicht nur Gutes.

Vor rund 230 Jahren kehrte Goethe in das ehemalige Gasthaus zum Weissen Lamm ein. Foto: Jonathan EdererJonathan Ederer

Regensburg. Wer hat’s gewusst? Kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe war einmal zu Besuch in Regensburg. Und das nicht, ohne Spuren hinterlassen zu haben. Am Haus des ehemaligen Gasthauses zum Weissen Lamm, das im Gebäude gegenüber der historischen Wurstkuchl in der Weiße-Lamm-Gasse zu finden war, ziert bis heute ein Goethe-Schild die Fassade. Wir erzählen euch, was der Poet so über die Stadt erzählt hat, was über seinen Aufenthalt bekannt ist und warum sein Italienaufenthalt immer noch so wichtig ist.

Hirn aus in Regensburg

Es ist der 4. September 1786. Um 10 Uhr morgens nimmt ein geschichtsträchtiger Tag seinen Lauf. Die Anlaufstelle eines gewissen Dichters ist das Gasthaus im Weissen Lamm nahe der Steinernen Brücke – dort waren auch schon klassische und romantische Größen wie Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph von Eichendorff untergebracht. Johann Wolfgang von Goethe kommt in die Domstadt. Sein Aufenthalt dauerte zwar nur bis zum 5. September – um 12:30 Uhr reiste er schon wieder ab – gefallen scheint es ihm trotzdem einigermaßen zu haben: „Regensburg liegt gar schön.“

Wenn ihr heute von der Steinernen Brücke in die Altstadt kommt, seht ihr auf der anderen Straßenseite ein Schild angebracht, das genau diesem Event gewidmet ist. „Die Donau erinnert mich an den Main“, schreibt Goethe in den Aufzeichnungen zu seiner italienischen Reise weiter. Hier fällt sein Urteil milde aus: „Bei Frankfurt haben Fluß und Brücke ein besseres Ansehn, hier aber nimmt sich das gegenüberliegende Stadt am Hof recht artig aus.“ Doch versuchen wir mal, es nicht persönlich zu nehmen! Würde Goethe Frankfurt heute sehen, würde er wahrscheinlich aus allen Wolkenkratzern fallen…

Überzeugt war Goethe wiederum von den Jesuiten, die zu dieser Zeit im Kloster Mittelmünster wohnten. In einem ehemaligen Nebengebäude des Stifts findet ihr heute das Rauschgold – eine eher bildungsferne Einrichtung mit dem Schwerpunkt Schlager. Goethe dagegen hat sich dort den Anfang eines Trauerspiels und das Ende einer Oper angesehen – war er also ein Freund der italienischen Oper? „Hier ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstracto denkt, es ist eine Freude an der Sache dabei, ein Mit- und Selbstgenuß, wie er aus dem Gebrauche des Lebens entspringt.“ Und was heißt das jetzt? Hat Goethe die Regensburger für ein wenig dumm und einfach gestrickt gehalten? Vielleicht lässt es sich so in die heutige Sprache übertragen: Regensburg? Hirn aus, Spaß an!

La dolce vita?

Zur Verteidigung seiner etwas verbittert wirkenden Wortwahl: Im Kontext und Vorfeld seiner italienischen Reiseplanungen macht diese Haltung dann doch Sinn. Er ist nämlich ein paar Tage zuvor fluchtartig von Weimar aufgebrochen. Offenbar befand er sich in einer „privaten Sackgasse“, die er gegenüber seiner großen Liebe Charlotte von Stein zur Sprache brachte, wie die Regensburger Professorin für Neuere Deutsche Literatur Ursula Regener in „Goethe in Regensburg – updated“ vermutet. Es kriselte also in der Liebe. Da sind ein wenig schlichte Unterhaltung und ein Selbstfindungstrip in Richtung Süden sicher nicht das Schlechteste.

Dieser Trip ist übrigens noch heute in aller Munde und auch akademisch relevant. Die italienische Literaturwissenschaftlerin Dr. Elena Fabietti ist ebenfalls Dozentin an der Regensburger Universität und hat gerade mit Studierenden die Darstellung Italiens in der deutschen Tradition der Reise nach Italien untersucht. Auch da spielte Goethe eine wichtige Rolle: „Als Italienerin kann ich nur sagen, dass Goethes Reise trotz aller historischen und kulturellen Einschränkungen einen sehr erhellenden Blick von außen auf die Kultur und Geschichte Italiens einwirft. Von einem fremden Blick kann man immer nur lernen.“

Regensburg war nach Karlsbad Goethes zweite Station in Richtung Italien. Seine „Italienische Reise“ dauerte fast zwei Jahre – die meiste Zeit davon verbrachte er in Rom. La dolce vita war also schon im 18. Jahrhundert eine erstrebenswerte Sache. Wenn ich aber im Moment Google nach der „Italienreise“ befrage, wird mir nichts Erhabenes oder gar etwas, das dem Geniegedanken würdig wäre, angezeigt: Ergebnis Nummer eins ist die Weiterleitung an das Auswärtige Amt – Italien: Reise- und Sicherheitshinweise.

Jonathan Ederer