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03. Januar 2020

Heldinnen mit Stift und Hammer

Eine Regensburger Architekturstudentin will mit einer gemeinnützigen Organisation ein nachhaltiges Hotel in Tansania realisieren.

Trotz idyllischer Umgebung ist der Aufenthalt in Kipili für die fünf Architekturstudentinnen kein Urlaub, sondern harte Arbeit. Foto: Till Gröner

Regensburg. Noch prägen hauptsächlich kleine Hütten mit Strohdächern das Bild des paradiesischen, aber armen Fischerdorfs Kipili in Tansania. Fünf Architekturstudentinnen, darunter Tatjana Witt aus Regensburg, sind seit Ende Oktober für die gemeinnützige Organisation „Supertecture“ vor Ort. Die Vision: Am Ufer des Taganjikasees, einem der tiefsten und artenreichsten Seen der Welt, sollen im Laufe der nächsten Jahre gemeinnützige Gebäude entstehen, unter anderem ein Kindergarten, ein Krankenhaus und ein Hotel, das Herz des Projekts.

Das Hotel soll von Einheimischen betrieben werden, Arbeitsplätze schaffen, den Tourismus ankurbeln und so Geld in das kleine Dorf spülen, um andere soziale Projekte zu finanzieren. Damit möchte der Allgäuer Till Gröner, Architekt und Gründer von Supertecture, einen nachhaltigeren Gegenentwurf zur klassischen Entwicklungshilfe liefern – statt Geld fließen hier individuell auf die örtlichen Begebenheiten angepasste bauliche Ideen. Man dürfe die Superkraft der Architektur nicht unterschätzen, heißt es auf der Website von Supertecture. So realisierte Gröners Organisation bereits in Nepal erfolgreich ein Hotel, gebaut unter anderem mit aus Plastikmüll gewonnenen Bausteinen.

Sechs Tage pro Woche auf dem Bau

In Tansania hingegen steht das Projekt noch ganz am Anfang. Witt und ihre vier Mitstreiterinnen fangen dort ganz von Null an. „Wir müssen zunächst die Grundlagen und einen Rahmen schaffen. Wie kommt man mit den Menschen zurecht, wie arbeiten sie, wie bezahlen wir sie? Welche Materialien und Werkzeuge stehen zur Verfügung?“, erklärt die 24-jährige Regensburgerin.

Die 24-jährige Tatjana Witt legt in ihrem Architekturmaster gerade ein Pausensemester ein, um am Projekt mitzuarbeiten. Foto: Josephine Jäger

Nachdem sie im Sommer ihren Bachelor abgeschlossen hat, legt sie für Supertecture gleich ein Urlaubssemester in ihrem Master ein. Derzeit wohnen die fünf vorübergehend bei Benediktinermönchen, mit denen sie auch Weihnachten im nächstgelegenen größeren Kloster verbracht haben. Vor dem Bau eines Kindergartens und des Hotels steht erstmal eine eigene Unterkunft für die nächsten Bauingenieure und Architekten, die die fünf im März ablösen, an. Ab Februar startet außerdem eine sogenannte „Winterschool“, in der bayerische Architekturstudenten ihre Ideen einbringen können.

Für die Unterkunft werden Container, von denen in Tansania zahlreiche ungenutzt herumstehen, recycelt und in eine überwiegend autonome Schlaf-, Ess- und Arbeitsstätte für bis zu zwölf Personen umgebaut – ein eigener Garten mit Zucchini, Gurken, Paprika, Melonen und Co inklusive. Eine erst vergangene Woche erfolgreich abgeschlossene Crowdfunding-Kampagne finanziert den Kauf der ersten vier Container. „Nach einer längeren Planungsphase und viel Computerarbeit konnten wir endlich mit der Arbeit an den Fundamenten für die Container anfangen“, freut sich Witt. Seitdem stehen sie sechs Tage die Woche auf der Baustelle. Von Montag bis Samstag heißt es für die Studentinnen um sechs Uhr aufzustehen, Tee oder Kaffee zu trinken, arbeiten, frühstücken, arbeiten, mittagessen und vor dem Abendessen noch einmal bis sieben oder acht Uhr zu arbeiten. „Da wir das erste Team hier sind, ist es natürlich schwieriger. Es ist ganz cool, aber echt anstrengend“, sagt Witt.

Tourismus als Wirtschaftsmotor

Viel Zeit für sich oder dafür, das Land zu erkunden, bleibt deshalb nicht. „Ich hatte vorher keine großen Erwartungen, aber ich wusste, dass es nicht einfach wird. Es ist auf jeden Fall schön, dass man vor allem jetzt auf der Baustelle jeden Tag sieht, was man geschafft hat. Es ist so ein schönes Land und Kipili ist ein wunderschöner Ort, deswegen will ich auf jeden Fall irgendwann wiederkommen. Es hat total viel Potential. Tourismus ist ja sehr negativ behaftet, dabei ist es wirklich ein gutes Konzept, um Geld reinzubringen. Und es wird kein riesiges Hotel, wodurch der Ort nicht überlaufen wird“, findet Witt.

Nach einer längeren Planungsphase und viel Computerarbeit konnten die Architekturstudentinnen mit dem Bau des Fundaments für ihr Büro beginnen. Foto: Annabella Ranft

Auch wenn die Superkraft des Projekts die Architektur ist – um in Zukunft weitere Gebäude realisieren zu können, ist die Organisation auf Sachspenden, zum Beispiel in Form von Werkzeugen, sowie Geldspenden angewiesen und freut sich über Unterstützung durch engagierte Nachwuchsingenieure und -architekten. Alle Informationen, Neuigkeiten über das Projekt sowie Spendenmöglichkeiten finden sich auf der Homepage der Organisation und auf Facebook.