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Titelfoto: Marina Wudy
16. Dezember 2016

Kunterbunte Anarchie

Die politische Theatergruppe ueTheater entwirft in einem farbenfrohem Stück das Modell eines anarchischen Regensburgs, inklusive Flüchtlingskrise und Gesangseinlagen.

In der neuen utopischen Welt wird auch auf internationaler Ebene mit basisdemokratischen Konsensabstimmungen über wichtige Themen entschieden - wie etwa über das Recht auf den Besitz eines Smartphones.Marina Wudy

Regensburg. Utopia: Ursprünglich als Wortneuschöpfung für eine fiktive paradiesische Insel vom Philosophen Thomas Morus erfunden, bezeichnet der Begriff heute die Imagination einer idealen Gesellschaft. Genau das ist auch die Handlung des gleichnamigen Stücks von Kurt Raster, das am Donnerstag an der Universität Premiere feierte. Ausgangslage ist hierbei ein Regensburg, in dem über Nacht alle Politiker wegen Korruption abgesetzt werden. Fluchtartig müssen sie deshalb die Stadt verlassen, und mit ihnen verschwinden nicht nur die Reichen und Mächtigen, sondern auch der Kapitalismus. Hier setzt nun die Handlung von „Utopia“ ein, das sich in facettenreichen Szenen mit der Frage auseinandersetzt, wie sich eine menschenwürdige, freie und gleiche Gemeinschaft organisieren kann.

Konkret geschieht das in zwei Akten, der erste gespielt, der zweite gesungen. Im ersten Akt erforschen einzelne Szenen jeweils einen Aspekt der Organisation einer solchen utopischen Gesellschaft – von der Gestaltung des Schulunterrichts bis zur gerechten Aufteilung unangenehmer Arbeiten. Im zweiten Akt kommt es zum erzählerischen und musikalischen Höhepunkt, wenn aus der Entscheidung der abtrünnigen Regensburger Utopianer, massenhaft Flüchtlinge aus der letzten kapitalistischen Enklave München aufzunehmen, beinahe ein Krieg resultiert.

„Utopia“ thematisiert dabei auf unterhaltsame Art und Weise aktuelle gesellschaftspolitische Themen, wie etwa die bereits genannte Flüchtlingsfrage. So geistert Gloria von Thurn und Taxis als Domgespenst durch eine Szene, und der geschichtsträchtige Slogan „Wer hat uns verraten – die Sozialdemokraten“ wird in den aktuellen Kontext der Politikverdrossenheit gesetzt. Verpackt wird die Handlung in ein minimalistisches, aber farbenfrohes Bühnenbild, eingängige musikalische Untermalung und einen positiven Grundton, wodurch der gesellschaftliche Zukunftsentwurf allerdings zum Teil etwas naiv und unbedarft gerät. Anarchie als reine Herrschafts-, aber keineswegs Gesetzlosigkeit, wie sie das ueTheater präsentiert, mag vielleicht schön, aber auch eher kurz gedacht sein.

Lässt man jedoch allen Realismus beiseite, könnte man zu dem Schluss kommen, dass den gegenwärtigen Mängeln unserer Gesellschaft vielleicht nur mit solch unbedarfter, kunterbunter Naivität begegnet werden kann. Und immerhin kann eine Gesellschaft nur solange utopisch sein, solange sie gar nicht existiert, ist doch die fiktive Natur der Kern einer jeden Utopie. Denn ansonsten wäre sie ja bloß eine weitere Variation der Realität.

„Utopia“ läuft noch bis Sonntag jeden Abend um 19.30 Uhr im Theater an der Universität. Karten gibt es unter Telefon (09 41) 70 02 99, per Mail an kontakt@uetheater.de und an der Abendkasse.