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Anna-Maria Deutschmann
Titelfoto: Anna-Maria Deutschmann
27. Februar 2017

„Musik muss dreckig klingen“

Im Regensburger Kult-Plattenladen Shadilac, in dem Skandalrocker Pete Doherty seine Fingerabdrücke unerlaubterweise hinterließ, will man von Musikstreaming nichts wissen.

„Saufen, rauchen, Musik hören“, Franz Reinhardt vom Kult-Plattenladen Shadilac über die guten alten Zeiten und Pete Doherty.Anna-Maria Deutschmann

Regensburg. Es riecht nach Secondhand. Muffig. Mit einem Hauch Zigarette und Hund. In bunt zusammengewürfelten alten Holzboxen stehen Hunderte Schallplatten, fein säuberlich mit handgeschriebenen Schildern nach Musikgenre sortiert. Wer den rockigen Genesis-Klängen in den Plattenladen von Franz Reinhardt folgt, lässt die malerische Touri-Altstadt von Regensburg an der Türschwelle zurück. Hier schlägt das Rockerherz auf Hochtouren.

„Es wird immer Leute geben, die ihre Lieblingsmusik in den eigenen Händen halten wollen“, sagt Reinhardt überzeugt, während ein Student in den Regalen stöbert. Die Leidenschaft für Musikplatten hat den 63-Jährigen so richtig gepackt, als er während eines Auslandssemesters in einem Londoner Plattenladen jobbte. Nach seinem Studium pfiff er auf den sicheren Lehrerberuf, 1987 eröffnete er sein eigenes Geschäft. Mitten im Plattenboom der 80er-und 90er-Jahre. Für Ankäufe reiste er regelmäßig in die USA und nach England.

Und 2017? In Zeiten von Streamingdiensten, Smartphones und Videoportalen? „Ist doch klasse. Man hat alles, kann alles. Wenn man will, kann man sich einfach den ganzen Tag lang mit Deutschrock berieseln lassen.“ Reinhardt verschränkt die Arme vor der Brust und zieht die Augenbrauen hoch. „Wenn man’s mag.“ Ein verschmitztes Lächeln. Dann ein verträumter Blick zum welligen Led-Zeppelin-Poster, das etwas schief an der Wand hängt. „In dem Moment, wo ich alles haben kann, will ich es doch gar nicht mehr“, legt er nach. „Zu schnelllebig. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft.“ In den 70ern, erzählt er stolz, hatte jeder seine eigenen Platten auf Partys dabei. Der Moment des Auflegens sei regelrecht zelebriert worden. „Saufen, rauchen, Musik hören“, fasst er es lächelnd zusammen. Einmal im Jahr fahre er auf ein Hippie-Festival, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. „Mit Leuten, die einfach Bock darauf haben, die alten Jeans wieder anzuziehen.“

Ein Mittdreißiger im Pink-Floyd-Shirt tritt an den Ladentisch, an dem sich Pappkartons türmen. „Die hatte ich noch nicht“, sagt er und mustert begeistert eine schwarze Schallplattenhülle, bevor er sie in seinen Jutebeutel gleiten lässt. Er rundet auf. Man ist per du.

In Regensburg ist Shadilac eine Hausnummer. Spätestens seitdem der britische Rocker Pete Doherty eines Nachts im volltrunkenen Zustand das Schaufenster einschlug und zwei Deko-Objekte - eine Gitarre und eine 08/15-Schallplatte - stahl, hat der Laden Kultstatus. Medien in ganz Deutschland berichteten darüber. „Eine bessere Werbekampagne hätte ich selbst nie inszenieren können“, sagt Reinhardt schmunzelnd und fährt sich durch den grauen Dreitagebart. Dass die Retro-Mode ihm sein Geschäft rette, möchte er nicht behaupten. „Retro war schon immer hip“, sagt er. Nur sei in den letzten Jahren ein regelrechter Hype entstanden. „Die richtigen Hardcore-Sammler sterben aber aus.“ Er krault seinen Labrador, der träge auf dem Boden liegt. Richtig harte Sammler wüssten wenigstens noch, was einen wahren Plattensound ausmache, erklärt er. „Musik muss laut sein. Musik muss dreckig klingen.“ Wieder dieser freche Blick, hinter dem eher der 70er-Jahre-Groupie als der 63-jährige Plattenladenbesitzer zu erkennen ist.

Obwohl es ein Nischenprodukt sei, rentiere sich sein Geschäft auch heute noch. Die Ladenmiete könne er problemlos zahlen. Und wenn ihm eines Tages das Wasser dann doch mal bis zum Hals stünde, dann müsse ihm eben wieder ein berühmter Rockmusiker einen Besuch abstatten und bei ihm einbrechen.

Anna-Maria Deutschmann