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17. November 2019

Ohne Auto leben

Unsere Redakteurin verzichtet seit einem halben Jahr auf ein eigenes Auto, zum ersten Mal seit 22 Jahren. Und ist seitdem deutlich entspannter.

Weg mit dem Ding: Das Leben ohne Auto ist entspannter und günstiger – und in Regensburg lässt es sich gut umsetzen. Foto: Stina Walterbach

Regensburg. Bald sind es sechs Monate, die ich jetzt ohne eigenes Auto lebe. Im Mai habe ich es verkauft, nachdem ich monatelang hin- und herüberlegt habe. Aber am Ende war klar: Das Auto und ich gehen getrennte Wege, zum ersten Mal seit 22 Jahren. Denn das Fahrzeug stand nur herum, ich habe es kaum benutzt, weil ich fast immer mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs bin. Maximal einmal pro Woche habe ich das Auto gebraucht, um einzukaufen oder um das Kind zum Papa zu fahren. Da war mir das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu schlecht. Versicherung, Steuern, Reifenwechsel, Reparaturen, Benzin, der Parkplatz und zweimal im Jahr feierlich in die Waschanlage fahren kosteten ein hübsches Sümmchen pro Jahr, das einen zusätzlichen Urlaub finanzieren könnte.

Früher bin ich richtig gern Auto gefahren: Als Teenager in der Eifel waren Führerschein und Auto obligatorisch, sonst kam man da nicht weg. Touren quer durch Deutschland und Europa waren kein Problem, solange der richtige Soundtrack im Auto war. Ich hatte mehrere Modelle, vorzugsweise japanischer Hersteller, die ich mal zu Schrott fuhr, mal den Alterstod sterben ließ oder für die ich die Abwrackprämie einstrich, um davon einen neuen Flitzer zu kaufen.

Autofahren kostet Nerven

Doch in Regensburg hat sich das Autofahren mit der Zeit zu einer Qual entwickelt: Ständig sucht man einen Parkplatz oder steht im Stau. Und es wäre nicht so ärgerlich, wenn die Entfernungen nicht so lächerlich wären! Mein Rekord lag bei 45 Minuten für fünf Kilometer von der Arbeit nach Hause. Absurd. Außerdem gibt es unterwegs null Abwechslung: Man fährt dieselbe Strecke, weil es keine Alternativen gibt. Mit dem Rad kann ich jeden Tag einen anderen Weg fahren und es wird nie langweilig. Und einen Parkplatz finde ich sofort. Mittlerweile mag ich es auch nicht mehr, lange Strecken mit dem Auto zu fahren. Es ist so langweilig! Wo man doch im Zug lesen, aus dem Fenster oder Filme gucken könnte.

Für mein Leben ohne Auto musste ich mir einen größeren Fahrradkorb, einen Helm, Streifentickets und einen Transport-Trolley für mein SUP-Board besorgen. Zur Arbeit fahre ich mit dem Rad, bei Regen gehe ich zu Fuß oder nehme den Bus. Sogar zu Terminen in der Stadt und im Landkreis nutze ich den Bus, was zeitlich überraschenderweise keinen Unterschied macht.

Ein Leben ohne Auto ist gesund und entspannt

Auch die Einkäufe erledige ich mit dem Rad. Positiver Nebeneffekt: Ich kaufe weniger, weil ich nicht viel schleppen möchte, dafür ist es immer frisch und ich werfe weniger weg. Ansonsten nutze ich das E-Carsharing. Damit fahre ich auch mit dem SUP zum See oder hole größere Sachen ab. Wenn man länger im Voraus plant, findet man ein freies Auto. Aber auch für spontane Ausflüge habe ich bisher immer eine Lösung gefunden: Wenn ein E-Auto nicht verfügbar ist oder das Ziel weiter weg liegt, leihe ich mir ein Auto bei einer günstigen Autovermietung.

Nach sechs Monaten ist für mich klar: Es war die richtige Entscheidung, ohne Auto zu leben. Ich schone die Umwelt und spare Geld. Aber die überraschendste Erkenntnis war: Ohne Auto ist das Leben besser und entspannter, was ich vorher nie gedacht hätte. Im Bus kann ich lesen, beim Radfahren genieße ich die Luft und unsere schöne Stadt. Ohne Stau und Parkplatzsuche werden die Nerven geschont. Ich fühle mich weniger getrieben. Jetzt muss ich nicht mehr, wie früher, am gleichen Tag 1000 Sachen erledigen. Ohne Auto kann es warten. Auf manche Sachen muss ich jedoch verzichten: zum Beispiel auf einen Spanischkurs, der zeitlich und örtlich zu viel Aufwand bedeutet. Für andere Hobbys und Sport habe ich gute Lösungen in der Nachbarschaft gefunden. Autofreies Leben ist für mich gesünder, günstiger und relaxter.