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Titelfoto: Rainer Wendl
08. Juli 2020

Straßennamen auf Prüfstand

Eine neue Untersuchung soll nationalsozialistisches und sonstiges antidemokratisches Gedankengut identifizieren.

Der Name des zentralen Platzes der Konradsiedlung ist diskutabel. Foto: Rainer WendlRainer Wendl

Regensburg. Welche Straßennamen, Plätze und Gebäude im Stadtgebiet haben einen Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus? In der Sitzung des Ausschusses für Bildung soll der Stadtrat am heutigen Mittwoch den Startschuss für eine entsprechende Spurensuche geben.

Das Thema hat eine bekannte Vorgeschichte: Ob Florian-Seidl-Straße, Josef-Engert-Straße oder Hans-Herrmann-Park und -Schule – alles wurde im Zeitraum der letzten gut 20 Jahre umbenannt, weil die Paten Repräsentanten der NS-Ideologie waren. Ebenfalls in deren Nähe wird der Schriftsteller Hans Watzlik (1879 bis 1948) gebracht, weshalb wiederholt auch über die nach ihm benannte Straße am Ziegetsberg diskutiert wurde.

Ist Watzlik bei der jetzt startenden Untersuchung also ein Wackelkandidat? „Über einzelne Namen will ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht spekulieren“, sagt dazu der städtische Bildungsreferent Dr. Hermann Hage und führt weiter aus: „Wir wollen in Zusammenarbeit mit Fachleuten von Uni und OTH entsprechendes Gedankengut identifizieren und dann überlegen, was wir mit diesen Erkenntnissen anfangen.“

Zeitumstände berücksichtigen

Das könne von „nichts machen“ über Konnotationen am Straßenschild oder digitale Hinweise bis hin zur Umbenennung reichen – wenn sich herausstellen sollte, dass die Gesinnung eines Straßenpaten massiv antidemokratisch war. „Dann kann es sein, dass man sagt ,Den wollen wir nicht mehr‘“, so Hage.

Obwohl der Tagungsordnungspunkt der heutigen Sitzung nur die Nazizeit als Gegenstand der Spurensuche nennt, will der Bildungsreferent das Forschungsfeld aufweiten. Daher kann auch bezüglich Figuren wie den im Ersten Weltkrieg hochdekorierten Reichswehr-Größen August von Mackensen oder Hans von Seeckt recherchiert werden. Diese werden in der Beschlussvorlage als Straßenpaten genannt, deren Ablösung von Teilen der Stadtgesellschaft immer wieder gewünscht werde. So gesehen könnte das Regensburger Projekt auch die – ganz aktuell an vielen Orten im Bundesgebiet gestellte – Frage aufgreifen, ob ein Bismarckplatz noch zeitgemäß ist.

Dass es dabei längst nicht immer auf eine Umbenennung hinauslaufen muss und stets die Zeitumstände zu berücksichtigen sind, verdeutlicht Hage am Beispiel eines wichtigen Regensburger Aushängeschilder: „Turnvater Jahn hatte sicher völkisches Gedankengut – aber er ist eben auch schon Mitte des 19. Jahrhunderts gestorben.“

„Klarer Kontext“ bei Danziger Freiheit

Bei einem Straßennamen geht Hage dennoch schon jetzt davon aus, dass er bei der Untersuchung sehr kritisch gesehen werden wird: Danziger Freiheit. „Da gibt es einen klaren historischen Kontext.“ Dieser besteht darin, dass die Nazis den nach dem Ersten Weltkrieg selbstständigen Freistaat Danzig wieder ins Reich eingliedern wollten und Städte in ganz Deutschland zur Benennung einer Straße oder eines Platzes in Danziger Freiheit aufforderten. Der zentrale Platz der Konradsiedlung heißt noch heute so.