Logo Mittelbayerische.de
Portal auswählen »
30. April 2020

Widerstand der Künstler

Zwei Hilfsprogramme für die bayerische Kultur- und Kreativwirtschaft hat die Landesregierung aufgelegt. Die Kreativen fühlen sich trotzdem im Stich gelassen.

Einige Künstler befürchten erst wieder 2021 Einnahmen zu haben. Foto: Heiko Küverling - stock.adobe.com

Regensburg. Leere Theater, abgesagte Festivals, Musiker ohne Auftritte und Eventmanager ohne Aufträge – die Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) leidet zurzeit wie kaum eine andere Branche. Denn während Unternehmen und Geschäfte teils online Umsätze generieren konnten und jetzt langsam auch Kunden wieder vor Ort willkommen heißen dürfen, stehen viele Künstler noch monatelang ohne Einnahmen dar. Viele rechnen erst im Jahr 2021 mit Gagen. Bundesweit stehen damit 1,7 Millionen Erwerbstätige, darunter 257.000 Soloselbstständige, Freiberufler und Unternehmen vor dem Nichts.

Das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes hat eine Analyse zur Betroffenheit der Branche durch die Epidemie erstellt: In der Musikwirtschaft sind 62 Prozent der Solo-Selbständigen, Freiberufler oder Unternehmen sehr stark von Umsatzausfällen betroffen. Für die Musikwirtschaft fallen 29 bis 59 Prozent der jährlichen Umsätze weg. Die Filmwirtschaft hat zurzeit 98 Prozent Umsatzausfälle, die darstellenden Künste 100 Prozent. Zusammengenommen wird geschätzt, dass in der Kultur- und Kreativwirtschaft Umsatzeinbußen von 21 Milliarden Euro entstehen. Dabei sind die Einbußen durch die Vernetzung der KKW mit anderen Branchen noch nicht eingerechnet: Denn Künstler sind auch Impulsgeber für andere Branchen, etwa bei der Entwicklung von Designkonzepten für die Automobilindustrie.

Die Landesregierungen versuchen, zu helfen: Das Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie hat eigenen Angaben zufolge bisher eine Milliarde Euro Corona-Soforthilfe an Soloselbstständige und KMU ausgezahlt, darunter auch an die KKW. Die Branche liegt in Bayern größentechnisch nach Automobilindustrie und Gesundheitswesen auf dem dritten Platz. Seit Kurzem werden bayerische Künstler außerdem drei Monate lang mit 1000 Euro unterstützt – unter der Voraussetzung, dass sie Mitglied in der Künstlersozialkasse (KSK) sind. Das trifft aber nur auf etwa 30.000 Menschen zu.

Finanzhilfe als „Mogelpackung“

Künstler, die nicht in der KSK sind, haben tendenziell höhere Einkommen und zahlen ihre Renten- und Krankenversicherungsbeiträge deshalb selbst. Bei KSK-Mitgliedern übernimmt die Kasse – ähnlich wie ein Arbeitgeber – die Hälfte der Beiträge. Künstler ohne KSK-Mitgliedschaft fallen damit jetzt durch alle Raster: Denn die erste Hilfsmaßnahme, die Corona-Soforthilfe, können sie nur beantragen, wenn sie keine Rücklagen haben und laufende Kosten wie Raummiete, Kredite für Studioräume oder Leasingaufwendungen nachweisen können. Dabei können auch kostspielige Instrumente als Rücklagen gewertet werden.

Also lag die Hoffnung der Künstler auf der Nachbesserung der Corona-Soforthilfe. Die neue Finanzhilfe für die KKW sei aber eine „Mogelpackung“. „In Bayern wird innerhalb unserer Branche mit zweierlei Maß gemessen“, sagt Carola Kupfer, Präsidentin des Bayerischen Landesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft BLVKK in Regensburg. Eine gerechte Regelung würde bedeuten, dass auch die vielen nicht über die KSK versicherten Künstler, Werbetexter, Kulturevent-Manager, Musiker, Filmproduzenten, Designer, Galeristen, Literaturagenten und Software-Entwickler einbezogen würden. „Doch bei der Soforthilfe-Nachbesserung der Staatsregierung wurden diese Personengruppen übergangen, was nun zu einem Aufschrei in der Branche führt“, sagt sie.

Für BLVKK-Präsidiumsmitglied Sigrid Diewald ist es ein „Pulverfass“. „Hier muss die Landesregierung schnell nachbessern. Denn wenn Bayern ein Kulturstaat sein soll, wie es Markus Söder verkündet, muss die gesamte Branche betrachtet werden, nicht einzelne Künstler.“ Der BLVKK habe bereits beim zuständigen Staatsministerium Beschwerde eingelegt und bleibe an der Sache dran.

Sollte der freie Fall der KKW nicht abgebremst werden, wird sie dreifach leiden, so der Bundesverband Kreative Deutschland: Erst fallen bis auf Weiteres alle Auftritte und Aufträge weg. Dann können auch Nachwuchskünstler nicht mehr gefördert werden, auch weil viele Veranstalter das Risiko nicht eingehen und mit Veranstaltungsbeginn eher auf etablierte und bekannte Künstler setzen werden. Schließlich werden die Umsatzeinbußen aus der Verwertung von Rechten finanziell 2021 zu Buche schlagen und sich voraussichtlich sogar bis 2022 auswirken. So baue sich laut Bundesverband ein enormer Investitionsstau auf. Schließlich wurden die Gewinne bis jetzt, wie in wohl keiner anderen Branche, in neue Produkte und Leistungen investiert. Ab 2021 wird dieses Geld ebenfalls fehlen.