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Fionn Birr teleschau – der mediendienst
09. März 2019

Alles kann, nichts muss

„Vernissage My Heart“ hätte keine Viral-Kampagne gebraucht, um zu überzeugen. Das sechste Album der Österreicher von Bilderbuch ist ein künstlerisches und politisches Plädoyer für Freiheit und Vielfalt.

Sie wollen keine Popstars sein, zumindest keine herkömmlichen: Bilderbuch gehen mit dem neuen Album „Vernissage My Heart“ weiterhin ihren ganz eigenen Künstlerweg. Foto: Neven Allgeier

Regensburg. Die Verlockung ist groß, „Vernissage My Heart“ als politisches Album auszulegen. Jüngst kursierte unter dem Hastag #europa22 ein von der Band Bilderbuch erdachter fiktiver Europa-Ausweis durch das Internet. Die Aufforderung: Werde Teil der europäischen Familie und erstelle deinen eigenen Pass. Passend zu ihrem Song „Europa 22“ natürlich, der gleichzeitig im Netz auftauchte. Die Strategie ging auf. Von Jan Böhermann bis AnnenMayKantereit beteiligten sich auch zahlreiche Prominente an der aufsehenerregenden Aktion - ein Marketingstreich wie aus dem, nun ja, Bilderbuch. Dabei braucht „Vernissage My Heart“ solche Spielereien eigentlich gar nicht, um aufzufallen.

Nachdem ihr letztes Album „Mea Culpa“ im Dezember 2018 fast aus dem Nichts erschien, vervollständigen die vier Österreicher nun jenes zunächst diffuse Bild, das diese neuen Songs hinterlassen hatten. Einst sangen Bilderbuch: „Komm vorbei in meinem Bungalow / By the rivers of cash flow“. Statt wieder sonnigen Pop-Funk und zweitdeutige Lyrik mit Sex, Sozialkritik und kindlicher Naivität zu präsentieren, kehrte sich die Truppe um Sänger Maurice Ernst auf „Mea Culpa“ nach innen. Natürlich lässt sich das in Zeiten von Brexit und Flüchtlingskrisen auch politisch deuten. Latente Ratlosigkeit, eine verwirrte Sinnsuche? Vielleicht. „Mea Culpa“ war als Album auf jeden Fall ein künstlerisches Fragezeichen, das Bilderbuch aber nach ihren Erfolgen mit „Schick Schock“ (2015) und „Magic Life“ (2017) auch zur Entschleunigung diente.

Das spannendste Bilderbuch-Album bis jetzt

Mit „Vernissage My Heart“ folgt nur zwei Monate später die Antwort auf „Mea Culpa“ - ein musikalisches Ying zum Yang. Auch hier sind es nur knapp über 30 Minuten Spielzeit. Und auch hier setzt man musikalisch auf ein Kessel Buntes, allerdings deutlich offenherziger. Bilderbuch streuen 2-Step-Anleihen, Folk-, Chanson- und Krautrock-Elemente ins Arrangement, lassen manchen Refrain ins Leere laufen und Lieder mitunter minutenlang ausglimmen. Wenn man bedenkt, in welche Schubladen Bilderbuch schon gesteckt wurden, ist diese neue Musik ein klares Statement mit Blick auf die eigene Vielfältigkeit.

Die besagte Single „Europa 22“, eine ausufernde Dreampop-Jamsession im Geiste des „Odelay“-Beck, bringt es etwa auf fast zehn Minuten Spielzeit. Anderswo setzt man auf Kürze, wie etwa auf dem Exotica-Stück „Memory Card 2“ oder in dem Song „Frisbee“, dessen Melange aus seichtem Gitarrenriff und reduziertem Drum-Loop jener Musik sehr nahekommt, die man einst Chillwave nannte. Besonders bemerkenswert ist aber, dass Maurice‘ sonst so frontaler Gesang hier einer bewussten Ruhe gewichen ist. Natürlich wird noch gekreischt und mit Effekten auf der Stimmt krakeelt, doch es dominiert ein Gefühl des Losgelöst-Seins: „Manchmal, da fühl‘ ich überhaupt nichts / Manchmal fühl‘ ich: Diese Welt, sie braucht mich“.

„Vernissage My Heart“ ist ein Befreiungsschlag gegenüber Marktlogik, Erwartungshaltungen und Hit-Formeln - und das spannendste Album in der bisherigen Laufbahn von Bilderbuch. Denn sie jonglieren auf der sechsten LP geschickt mit Genres, platzieren viele lyrische Easter Eggs („Leg‘ mich lieber nieder/ In A Gadda Da Vida“) zwischen den Melodien und frönen im Allgemeinen der Idee des Freak-Seins. Bilderbuch wollen keine Boygroup sein, sie sind Musiker. Der Charme des Unfertigen wirkt hier wie ein Versprechen, dass Großes passieren kann.

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