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Jonathan Ederer
Titelfoto: Visit Films
26. September 2020

Der Triumph der Außenseiter

Er läuft auf dem Hardline Filmestival in Regensburg und ist so liebenswürdig wie bitterböse: „Dinner in America“ – eine punkige Coming of Age-Geschichte, in der zwei Figuren für zahllose Glanzmomente sorgen.

Am 27. September für Dauerkartenbesitzer im Kino und einen Tag darauf online läuft die Tragikomödie “Dinner in America” – ein Film für Fans des Coming-of-Age-Genres. Foto:Visit Films

Regensburg. Kurz vor der Präsidentenwahl ist dem Regisseur Adam Rehmeier mit „Dinner in America“ eine wunderbare Persiflage auf die amerikanische Gesellschaft mit all ihren Ecken und Kanten gelungen. Pointiert zielt er auf Missstände, Klassenunterschiede und abgehängte Individuen ab und verpackt das Ganze in einer punkigen Tragikomödie im Coming-of-Age-Stil. Auch diese Perle wird auf dem Hardline Filmfestival zu sehen sein: Für Dauerkartenbesitzer am 27. September um 13 Uhr im Ostentorkino, für den Rest am 28. September den ganzen Tag online.

Der Film startet mit einer fulminanten Szene: Simon (Kyle Gallner), ein vorlauter Aussteiger um die 25 Jahre mit wilder Frisur und zerrissenen Klamotten, sitzt am Mittagstisch mit der Familie seiner Flamme. Im Laufe des Dinners kommt es zu einem Wortgefecht, das im Anschluss innerhalb kurzer Zeit zu einer handfesten Auseinandersetzung eskaliert. Der Grund? Simon lässt sich von der übergriffigen Mutter zu einem Techtelmechtel hinreißen, die Tochter bekommt das mit und holt den Vater herbei. Die Folge? Simon wird mit Gewehrschüssen aus dem Haus gejagt, Fensterscheiben werden zerstört – das Dinner ist erst einmal vorbei.

Szenenwechsel: Eine Familie am Tisch in einem gemütlichen, kleinbürgerlichen Haus. Die Umgebung stimmt, doch auch hier gibt es Reibereien. Die Tochter Patty (großartig gespielt von Emily Skeggs) fühlt sich sichtlich unwohl in der konservativen Umgebung ihres Elternhauses, rebelliert und lenkt sich mit lauter Rockmusik ab. Auch in der Schule hat sie es nicht leicht. Sie wird gemobbt, findet keinen Anschluss und kapselt sich weitgehend mit ihren Kopfhörern von der Außenwelt ab.

Nachdem man beide Figuren kennengelernt hat, ist eigentlich klar, worauf der Film hinaus will. Doch die Umsetzung ist so überraschend, frisch und ungezwungen, dass die abgehalfterte Bonnie und Clyde-Prämisse nicht stört. Zwei Außenseiter, die gegen alles und jeden rebellieren, hat man selten so gut harmonieren sehen. Die schrullige Patty und der harte Simon sind ab dem Zeitpunkt, als sich ihre Wege treffen, unzertrennlich. Dabei ist ihre Geschichte frei von klassischen Hollywood-Konventionen.

Ein Beispiel dafür ist die sich anbahnende Romanze der beiden, die in einer herkömmlichen Teenie-Komödie wohl nicht so stattfinden würde. Denn da verliebt sich meistens der Außenseiter oder die Außenseiterin in die Cheerleader-/Quarterback-Figur und am Ende gibt’s das Happy End. In „Dinner in America“ ist das anders: Es raufen sich zwei Außenseiter zusammen, lernen einander schätzen und lieben.

Und das Wichtigste: Adam Rehmeier, der auch das Drehbuch geschrieben hat, ist es gelungen, dass man den Figuren das auch abkauft. Und das ist in so einem Fall gar nicht leicht: Zum einen kann zu viel Schrulligkeit nerven. Doch auch das Maß an Überzeichnung kann schnell voll sein. Wenn man die USA und ihre Eigenheiten aber adäquat und ernsthaft auf die Schippe nehmen will, muss man überzeichnen. Um das zu verdeutlichen, wählt Rehmeier zum Ende hin ein musikalisches Stilmittel, das totgeglaubt war: den Punk.

Zwar ist die Konklusion am Ende vielleicht ein wenig zu gewollt, doch da hilft eine Portion Ironie, die auch der Film suggeriert. „Dinner in America“ ist eine Satire, die humorvoll die Missstände im Trump-Land thematisiert. Am Ende wird man Zeuge des Triumphs der Außenseiter über die vermeintliche Spitze der Evolution in einem Land der Extreme, aber nicht wie man es vermutet. Die Revolution ist real – auch im Film. Der Song, den Patty und Simon gemeinsam schreiben, ist sehr treffend, dabei ruhig und doch rockig, dass die Message in der nötigen Klarheit zur Geltung kommt: „Fuck’em all, but us!“

Jonathan Ederer