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Titelfoto: Klickfinger & Lea Jansen & Bernh
26. Juni 2020

Frei von allen Konventionen

Entspannte Vibes, kluge Texte und musikalische Vielfalt: „Hier“, das langersehnte Debütalbum der Bruckner-Brüder, ist da!

Jakob (re.) und Matti Bruckner erweisen sich auf ihrem Debütalbum „Hier“ als gut eingespieltes Duo. Foto:Klickfinger & Lea Jansen & Bernh

Regensburg. Längst haben sich Jakob und Matti Bruckner vom Regensburger Geheimtipp zur deutschen Pop-Hoffnung gemausert. Lohn der Mühen: ein Plattenvertrag bei Sony Music und nun das Debütalbum „Hier“. In den zwölf Songs der Platte verarbeitet Songwriter Jakob klassische Motive des zeitgenössischen deutschen Pops. Während er im eingängigen Indie-Pop-Opener „Für immer hier“ das Leben im Moment besingt und vom Unterwegssein berichtet, handelt das spärlich instrumentierte Stück „Josephine“ vom Abschiednehmen. Nachdenklich kommt auch „Klebe Fest“ daher, ein Song über das Nichtstun - samt Spezi vom Späti und maximal ausgereizter Prokrastination. Textlich verzichtet Bruckner glücklicherweise auf Banalitäten und abgedroschene Worthülsen.

Stattdessen glänzt das Brüdergespann bei einem herrlich selbstironischen Stück über die eigene Generation, „Hätt ichs gewusst“: „Ist da nicht irgendwo ein Sunset, den du verpasst, irgendein Retreat, in dem du Power Yoga machst.“ Untermalt ist das Ganze mit einer knackigen Gitarren-Hookline, die auch dem Repertoire von Wanda entsprungen sein könnte.

Die freche Unbedarftheit in den Texten spiegelt sich auch in der musikalischen Gestaltung wider. Matti, dem Techniker und Tüftler der Band, gelingen variantenreiche Arrangements, die Genrekonventionen des oft so braven Deutsch-Pop spielerisch unterwandern. Heraus sticht besonders das Indie-Rock-Stück „Lifestyle“, das mit röhrenden Gitarren und verzerrten Stimmen ein wenig an Kraftklub erinnert. Obendrein funktioniert der raffinierte Song wunderbar als Persiflage auf das Leben von reichen Hipstern im Großstadttrubel: „Die Seychellen sind um diese Zeit sensationell, und ich hab mal wieder Bock auf ein Sabattical.“

Eine weitere spannende Facette verleiht dem modernen Sound von Bruckners gelungener Debüt-Platte auch das Kopfstimmenfalsett, das als Backgroundgesang im verträumten Popsong „Regenmacher“ herumflirrt und den Disco-Pop der 70er-Jahre aufleben lässt. Ebenfalls geglückt ist das Autotune-Experiment in der Trennungsschmerz-Ballade „Weit weg“, zugleich eine der drei Single-Auskopplungen von „Hier“. Diese musikalische Vielseitigkeit, die erfrischenden Texte und eine ordentliche Prise Unbekümmertheit sind die Kernelemente eines in der Summe beachtlichen Debüts. Von Bruckner wird man noch einiges hören.

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