Logo Mittelbayerische.de
Portal auswählen »
Jonathan Ederer
Titelfoto: Jonathan Ederer
23. Juli 2020

Mit dem Shining aus der Quarantäne

„The Shining“ ist thematisch so aktuell wie nie zuvor. Die auf Zelluloid gebannte Quarantänesituation läuft jetzt im Regensburger Garbo-Kino.

Sechs Tage lang läuft im Garbo-Kino "The Shining".Jonathan Ederer

Regensburg. Endlich wieder Kino. Auch unsere Stadtkinos werfen die Filmprojektoren wieder an und stoßen dabei auf ein Problem: Welche Filme sollen sie zeigen? Die großen Blockbuster wurden fast alle verschoben und die Drehs laufen erst seit kurzem wieder. Eine Lösung: Ältere Filme und Klassiker. In Großbritannien schlägt das Imperium erneut zurück, um die Kino-Konjunktur wieder anzukurbeln – in Regensburg fällt Jack Nicholson die Hoteldecke auf den Kopf: „The Shining“ läuft von 23. bis 28. Juli im Garbo-Kino.

Dank Corona kennen wir nun alle das Gefühl, wie es ist, wenn man nicht raus kann und im Haus bleiben muss. Wenn die Freiheit eingeschränkt ist, kann die Ratio schon mal flöten gehen. Stanley Kubrick zeigte uns in „The Shining“ schon 1980 ein Extrembeispiel des Lagerkollers, der feinfühlig und hochkomplex auf mehreren Ebenen arbeitet: Alkoholismus, häusliche Gewalt und Depression stecken als große Themen im grausigen Overlook-Hotel. Dort ist Jack Torrance gemeinsam mit Frau Wendy (Shelley Duvall) und Sohn Danny (Danny Lloyd) von der Außenwelt abgeschottet und verfällt zusehends dem Wahnsinn.

via GIPHY

„The Shining“ ist ein Horror-Klassiker, der vor allem durch die Performance von Jack Nicholson in die Geschichte eingegangen ist. Die Szene, in der er mit einer Axt die Türe einschlägt, ist eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte. Blut strömt aus den Wänden. Eine verfaulte Hexe. Verstümmelte Zwillinge. Es gibt mysteriöse Geschichten vom Set, dass Kubrick Szenen teilweise über hundertmal drehen ließ. Ein Hauch von Wahnsinn stand offensichtlich wirklich auf der Tagesordnung. Stellt euch vor, ihr müsst immer und immer wieder eine Tür einschlagen, bis jemand sagt, dass ihr sie jetzt gut eingeschlagen habt. Und dieser von außen aufgedrückte Wiederholungszwang ist ebenfalls ein eher unliebsamer Teil der Quarantänesituation.

Tragischerweise hat man in der Hochphase von Corona ja häufig von Fällen der häuslichen Gewalt gelesen. Die Tatsache, dass jeder Tag derselbe war – und jeder Tag dieselben sozialen Kontakte mit sich brachte – verschärfte diese Problematik offenbar. Gleichzeitig hatten Behörden zusehends Probleme, in betroffene Haushalte einzugreifen. Wahrscheinlich auch der ständigen Anwesenheit aller Beteiligten geschuldet. In „The Shining“ wird diese Thematik aufgegriffen, in ein Horrorsetting verpackt und so wird die Dimension bewusst: Eine Dimension, die so aktuell und diskussionswürdig ist wie nie zuvor.

Dass im Garbo-Kino jetzt „The Shining“ läuft, ist also nicht nur filmgeschichtlich ein wertvoller Beitrag, sondern auch gesellschaftlich relevant. Und noch dazu feiert der Film heuer seinen 40. Geburtstag. In der Midlife-Crisis steckt er aber keinesfalls, denn Altmeister Kubrick weiß nach wie vor und auch nach seinem Tod zu unterhalten, zu erschrecken und zum Nachdenken anzuregen. Er wird dreimal in der englischen Originalvertonung zu sehen sein (empfehlenswert wegen Jack Nicholson) und dreimal auf Deutsch.

Und auch wenn ihr den Film schon gesehen habt, werden das Overlook-Hotel und seine Bewohner auf der großen Leinwand eine wesentlich stärkere Sogwirkung erzeugen. Denn die ganz großen cineastischen Gefühle kommen vor allem dort zum Vorschein, wo wir sie mit anderen teilen können: im Kino. Dass uns jetzt ausgerechnet „The Shining“ aus der Quarantäne in den Kinosaal holt, ist also fast schon ein interaktives und selbstreflexives Phänomen: Vorhang auf für den Quarantäne-Film schlechthin, der uns jetzt hoffentlich endgültig aus der Quarantäne befreit.

Jonathan Ederer