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21. März 2020

Premiere vor leeren Rängen

Schrille Techno-Oper „M’Orpheo“ war die letzte Aufführung vor der Zwangspause. Wir waren dabei und verraten, warum sich ein Besuch definitiv lohnt, wenn das Theater wieder öffnet.

Zeus Tochter Proserpina (Sara-Maria Saalmann) reitet auf einem riesigen weißen Hamster, der den Gott der Unterwelt Plutone (Johannes Mooser) verkörpert: “MOrpheo” steckt voller schräger Bilder. Foto: Jochen Quast

Regensburg. Nach den Geisterspielen im Fußball folgte am vergangen Samstag im Theater Regensburg dessen erste und letzte Geisteraufführung. Da das Ensemble sehr viel Zeit und Energie in die Proben dieser aufwendigen Produktion gesteckt hatte, wollte man trotz Coronakrise zumindest die Premiere von „M’Orpheo“ vor Theatermitarbeitern und Pressevertretern ermöglichen. Um auch die Daheimgebliebenen einzubeziehen, gab es eine Live-Übertragung. Bis 19. April bleibt das Theater nun für Aufführungen und andere Veranstaltungen geschlossen. Wann der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann, ist ungewiss - die schrille Technooper gibt es dann aber auf jeden Fall wieder zu sehen.

Ein Experiment

Eine planmäßige Prozession der Darsteller in Hochzeitskleidern, Nonnenkostüm und weißen Gewändern vom Arnulfsplatz zum Eingang des Velodroms läutete die rund dreistündige Aufführung ein und machte klar: Das wird keine normale Oper.

Zwar übenehmen die beiden Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth vom Künstlerkollektiv Hauen und Stechen viele Motive von Monteverdis „L’Ofeo“. So geht es im Grunde wie im griechischen Mythos um Orfeo, der seine verstorbene Geliebte Euridice aus der Unterwelt zurückholen möchte. Der klassische italienische Operngesang und die Musik des Philharmonischen Orchesters wurden allerdings um deutschsprachige Sequenzen und Technokompositionen der Gebrüder Teichmann ergänzt.

Auch die Kostüme und das Bühnenbild folgen der Leitlinie, die der Inszenierung anscheinend zugrunde liegt: So experimentell wie möglich! Fast durchweg spielt sich die Handlung an mehreren Plätzen auch abseits der Bühne ab, unter anderem im Krankenzimmer, respektive der Unterwelt unter der Bühne und im Foyer. Leinwände übertragen das dortige Geschehen per Video. Eine Muse im Sternenkostüm, ein riesiger weißer Hamster, die Göttin der Hoffnung als männliche Nonna mit riesigen Brüsten - die Liste an absurden Bildern und skurrilen Umsetzungen ließe sich endlos weiterführen.

Rollentausch

Überall gibt es kleine Details und versteckte Hinweise zu entdecken. Langweilig wird es jedenfalls nie. Durch die Auflockerung mit Passagen auf Deutsch, Technoelementen und Videosequenzen könnte „M’Orpheo“ auch für Menschen interessant sein, die eigentlich keine Opernfans sind. Die Fülle an Eindrücken ist auf der anderen Seite verwirrend und überfordernd. Lwowski und Kronfoth wollten die ursprünglichen Geschlechterrollen der Oper aufrollen und ließen Orfeo und Euridice jeweils sowohl von Männern als auch von Frauen spielen. Dass die Sänger und Schauspieler nicht nur mehrere Rollen übernehmen, sondern viele Rollen umgekehrt ebenfalls von mehreren Personen verkörpert werden, macht das Ganze nicht einfacher. Wenn man sich nicht vorher in die griechische Mythologie - oder zumindest in das Programmheft - eingelesen hat, ist es schwer, der Handlung zu folgen geschweige denn, sie zu verstehen. Insgesamt merkt man, wie viel Mühe und Aufwand das Künstlerkollektiv und alle Beteiligten in „M’Orpheo“ gesteckt haben, damit die schrille Technooper reibungslos über die Bühne geht. Drücken wir die Daumen, dass sich der Vorhang bald wieder öffnen darf.