Schauspielerisches Knallbonbon

Kinokritik: Mit „Der Gott des Gemetzels“ folgt Roman Polanski seinem guten Ruf als hervorragender Schauspielerregisseur.

"Der Gott des Gemetzels" läuft seit dem 24. November in den Kinos.

Die äußerst unterhaltsame Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks von Yasmina Reza zählt wohl zu den besten Filmen des Jahres.

Zwei Ehepaare treffen sich in einer Wohnung, um eine Prügelei zwischen ihren beiden elfjährigen Söhnen auszudiskutieren. Paar Nummer eins (gespielt von Jodie Foster und John C. Reilly), dessen Kind das Opfer war, lädt Paar Nummer zwei (Kate Winslet, Christoph Waltz) zu sich zu Kaffee und Kuchen ein. Doch hier herrscht gewiss keine Harmonie. Die Bereitschaft zur Konfliktlösung und Kompromissfindung ist vage und oberflächlich.

 
 
 
 
 
 

So erweckt der Vater des „Problemkindes“ (er nennt es selbst so, mit dem gleichzeitigen Eingeständnis der Zwecklosigkeit hinsichtlich dessen Belehrung) permanent den Eindruck, mit den Gedanken ganz woanders zu sein und sich nicht an der Diskussion beteiligen zu wollen; ständig klingelt sein Handy, wichtige Geschäftspartner belagern ihn. Die anderen Eltern geben sich unterdessen Mühe, ein höfliches Interesse zu wahren. Schließlich gehe es ja um die eigenen Kinder und deren Wohl habe oberste Priorität.

Doch was sich schon in den ersten Minuten andeutet, gipfelt bei fortschreitender Laufzeit in völliger Eskalation. Immer stärker werden die einzelnen Prinzipien und Ansichten in Frage gestellt, Anschuldigungen werden gemacht, herablassende und zynisch-beschimpfende Kommentare fallen. Die schnell etablierte Zwei gegen Zwei-Konstellation zugunsten der jeweiligen Paare wird aufgebrochen und irgendwann kämpft jeder nur noch für sich selbst.

Roman Polanski zählt zu den angesehensten Regisseuren unserer Zeit. Mit „Rosemaries Baby“ (1968) gelang ihm damals der endgültige internationale Durchbruch. Seither machte er auch mit seiner eigenen Person immer wieder Schlagzeilen, so wurde er öfters mit okkultistischen Ansichten in Verbindung gebracht. Was aber zählt, ist sein künstlerisches Talent, vor allem auch sein perfektionistischer Umgang mit den Akteuren (siehe Alt-James Bond Pierce Brosnan in „Der Ghostwriter“, 2008). Auch sein aktuelles Werk ist ein virtuos inszeniertes, ganz dem Schauspiel verpflichtetes Knallbonbon, dem Zuschauer wird wirklich kein Moment der Langeweile zugemutet.

Der Film spielt über die relativ knappe Spieldauer (75 Minuten) gänzlich in einem Raum – die Theatervorlage ist unübersehbar – und gerade in dieser konzentrierten Atmosphäre entfaltet er eine ganz besondere Qualität. „Ich glaube an den Gott des Gemetzels“, sagt Alan (Waltz) zu Penelope (Foster) und möchte ihr damit seine ganze Ehrlichkeit in Form von unbeschönigter Herablassung zum Ausdruck bringen. Gerade der Österreicher vermag es, durch sein radikal-sarkastisches Spiel den ganzen Wahnsinn der menschlichen Seele zu verkörpern. Michael (Reilly) entwickelt sich vom beschwichtigenden, ordnungssuchenden Gentleman zum absoluten Ekelpaket. Wirklich alle Hüllen werden hier abgestoßen – was bleibt, ist der schockierende Rest. Gäbe es solche Offenbarungen nur öfter im heutigen Kino!

Zeitvertreib. | 30. November 2011

In den Kinos ab 1. Dezember

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