Logo Mittelbayerische.de
Portal auswählen »
07. Januar 2020

Theater mit Gebärden

Dank Gebärdendolmetscherin Pia Helml können jetzt auch Gehörlose die Vorstellungen im Theater Regensburg barrierefrei genießen.

Gebärdendolmetscherin Pia Helml (Mitte) zeigte den Darstellern aus „Die Kleine Hexe“ die universelle Gebärde für „Ich liebe dich“ – „I love you“. Foto: Freya Fleischmann

Regensburg. Beim Stichwort Barrierefreiheit denken die meisten Menschen wohl als erstes an Rollstuhlrampen oder Aufzüge an Bahnhöfen. Doch der Begriff reicht viel weiter und meint den unbeschränkten Zugang für alle Menschen zu allen Lebensbereichen. Das Theater Regensburg startete deshalb einen Pilotversuch: Zwar gibt es in vielen Spielstätten des Hauses bereits sogenannte FM-Anlagen, mit denen hörgeschädigte Menschen ihre Hörgeräte verbinden können. Erstmals wurde am vergangen Sonntag eine Vorstellung von „Die kleine Hexe“ aber auch simultan in Gebärdensprache übersetzt.

Pia Helml wuchs als Kind gehörloser Eltern von klein auf mit der Gebärdensprache auf. Als Kommunikationsassistentin begleitet sie gehörlose Menschen im Alltag, ist Vorsitzende der Kontaktgruppe für Schwerhörige in Regensburg und hat auch schon bei Konzerten gedolmetscht. „Es war aber mein erstes Mal am Theater. Ich bin richtig begeistert“, freut sich Helml.

Für das Kinderstück benötigte sie eine lange Vorbereitungszeit. Seit Oktober war sie immer wieder bei Proben dabei, stimmte sich mit den Schauspielern und der Requisite ab und lernte ganze Sequenzen komplett auswendig. An manchen Stellen musste sie kreativ werden: So ist beispielsweise das Hexeneinmaleins in einer Fantasiesprache verfasst, für die es keine Übersetzung in die Gebärdensprache gibt. Deshalb ersetzte Helml es mit einem Vers aus Goethes Faust. „Für mich war es toll mitzubekommen, wie gut es bei den Kindern ankommt. Es ist für sie einfach schön, wenn für sie mitgedacht wird“, zieht sie nach der Vorführung ihr Fazit.

Bedarf nicht erkannt

In Bayern leben rund 6000 statistisch erfasste Gehörlose und 30 000 Hörgeschädigte. Für Regensburg gibt es keine offiziellen Zahlen, Helml schätzt sie auf rund 200: „Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch viel höher, weil sich viele anfangs nicht trauen, zum Arzt zu gehen.“ Zwar bieten sowohl der kulttouren e. V. als auch das Museum der bayerischen Geschichte Führungen in Gebärdensprache an. Ansonsten wird in Regensburg nicht oft für Gehörlose mitgedacht, das Angebot in der Kulturlandschaft ist mau. Der Gehörlosenverein, in dessen Vorstand Helml bis letztes Jahr saß, hatte den suspendierten Oberbürgermeister Joachim Wolbergs bereits darauf aufmerksam gemacht, als er noch im Amt war. Bei Veranstaltungen wie dem Bürgerfest oder dem Neujahrsempfang wäre es ein Leichtes, zumindest eine FM-Anlage für die Lautsprecher einzurichten.

Manchmal scheitert es aber nicht einmal an der technischen Ausstattung, sondern an fehlender Information, weiß Helml: „In der Touristinformation gibt es beispielsweise eine FM-Anlage. Nur wissen nur ein paar Mitarbeiter, wie sie bedient wird. So etwas ist so schade und ärgert mich.“ Ein möglicher Grund könnte sein, dass der Bedarf schlicht nicht erkannt wird. Außerdem sind Hörschädigungen eine unsichtbare Behinderung; fehlende Inklusion von Rollstuhlfahrern ist um einiges offensichtlicher.

Noch mehr Theater

„Der Doppelnutzen spielt ebenfalls eine Rolle. Eine Rollstuhlrampe ist ja auch mit Kinderwagen hilfreich“, so Helml. Aber es gibt Hoffnung: Wird das Pilotprojekt des Theaters fortgeführt, verbessert sich das kulturelle Angebot für Gehörlose in Regensburg sicher weiter. Seit zwei Jahren unterrichtet Pia Helml außerdem Theaterpädagogen und Regiestudenten an der Akademie für Darstellende Kunst (ADK) in Gebärdensprache.