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Jonathan Ederer
Titelfoto: Eksystent Distribution Filmverleih
19. November 2020

Träumen Androiden auch von österreichischen Schafen?

„The Trouble with Being Born“ von Sandra Wollner läuft nach der Berlinale ab dem 19. November auch online auf dem Transit Filmfest in Regensburg. Ein komplexer Film, in dem so viel steckt, dass einmal Schauen fast nicht reicht.

Ab dem 19. November könnt ihr den Film „The Trouble with Being Born“ online sehen. Foto:Eksystent Distribution Filmverleih

Regensburg. „Die Blätter fallen, obwohl der Sommer erst angefangen hat.“ Die kindliche Stimme aus dem Off klingt, als hätte sie etwas Wichtiges mitzuteilen. Sie führt in der plastischen Eingangssequenz einen Monolog, den man erst nach und nach als leere Worthülse entlarven kann. „The Trouble with Being Born oder Die Last geboren worden zu sein“ – so lautete der Arbeitstitel von Sandra Wollners zweitem Spielfilm – stellt anhands österreichischer Milieubetrachtungen tiefgreifende Fragen nach Menschlichkeit und Wahrheit. Der Titel klingt zunächst unmissverständlich. Doch bei genauerer Betrachtung, birgt er auch ein Dilemma: Am Ende bleibt die Frage, wessen Last es nun ist, geboren worden zu sein.

Der Sommer ist vorbei und Ellis Leben ist vorüber, ehe es überhaupt begonnen hat. Der Android, um den sich die Geschehnisse in „The Trouble with Being Born“ drehen, hat eine Mission in seinem „Leben“: Er bietet dem Menschen, der ihn personalisiert und konfiguriert, all das, was ihm das echte Leben nicht bieten kann. Elli (Lena Watson) ist also ein Lückenfüller. Für Georg (Dominik Warta) verkörpert sie eine Möglichkeit, die Vergangenheit nicht loslassen zu müssen. Denn die echte Elli, Georgs Tochter, ist vor vielen Jahren verschwunden. Dass der Android später den Besitzer wechselt, liegt in der Natur der Sache, denn dank seiner programmierten Wandlungsfähigkeit muss der Android von Lücke zu Lücke springen, diese auszufüllen versuchen – nur schließen kann er sie letztlich nicht.

Dieser Film ist keineswegs eine reine Sci-Fi-Fantasie. Das Augenmerk liegt auf den Details – und ein Falco-Buch steht sehr auffällig in einem Regal. „Jeanny, life is not what it seems“ sang Falco in seinem 1980er-Jahre-Hit über ein verschwundenes Mädchen, das vermutlich entführt wurde – genau wie Elli. Eine Geschichte, wie man sie leider auch aus der Realität kennt. In „The Trouble with Being Born“ wird ein solcher Fall beschrieben. Der Film bleibt dabei jedoch eher subtil. Dass Georg den Androiden auch sexuell missbraucht, wird nicht explizit gezeigt, ist aber klar.

Es gibt eine Szene, in der Elli nackt vor Georg sitzt. Man sieht ihr synthetisches Geschlecht und sie streckt ihre Zunge heraus. Georg entnimmt ihr die Zunge und stellt damit sicher, dass sein Vergehen an dem Androiden niemals bekannt werden wird. Und obwohl Elli dank ihrer Programmierung auch ohne Zunge sprechen könnte, schweigt sie. Das hebt den Konflikt aber zugleich auf eine intersubjektive Ebene zwischen Mensch und Android: Kann man hier überhaupt von Missbrauch sprechen? Eine unangenehme Frage, die jeder Zuschauer für sich selbst beantworten muss.

Stil und Inszenierung Sandra Wollners sind dabei besonders hervorzuheben. Bronzen-metallische und rostige Färbungen, die sich mit bitterem Beigeschmack zu einem Bild der Selbstbetrachtung formen, werden in Tarkowski-Manier synästhetisch in Szene gesetzt: Elli blickt auf den See im Wald, als wolle sie dem Zuschauer sagen, dass sie ihr Dilemma erkannt hat. Sie ist umgeben von Natur und göttlicher Schöpfung, bleibt aber ein Fremdkörper in dieser Szenerie: Denn göttlich ist er nicht, der Mensch – ihr Schöpfer. Dafür hat er zu viele Fehler, straft sie mit Missachtung und benutzt sie nur.

Die Synästhesie, die mit einem Geräusch von brennendem Holz erst zu einer solchen wird, intensiviert sich. So riecht Ellis menschliches Gegenüber nach Sonnencreme und Zigaretten. Ein geschicktes sinnesübergreifendes Bild, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann. Hier wird Ellis Rolle noch deutlicher: Sie kann die Lücke, die zu schließen sie konstruiert wurde, wiederum nur durch Synthetik füllen. Denn was sind Sonnencreme und Zigaretten anderes als synthetisch-biologische Hybride – eben genau wie die Beziehung Android-Mensch.

„The Trouble with Being Born“ ist wie eine Philip-K.-Dick-Erzählung in österreichischem Kleinformat, die dem Zuschauer einiges abverlangt, was die Deutung anbelangt. In der filmischen Umsetzung wechselt Sandra Wollner zwischen kalter Inszenierung, die vor allem in geschlossenen Räumen zur Geltung kommt, und sich weitenden Naturaufnahmen, die einer Fahrt ins Ungewisse gleichen. Hier scheint nichts dem Zufall überlassen, alles hat seine Bedeutung und das Besondere ist, dass auch der Zuschauer während des gesamten Films die Möglichkeit hat, die Perspektive zu wechseln.

Auch das Publikum hat die Möglichkeit, Fragen zu stellen: Hat Android-Elli, hat Android-Emil je wirklich gelebt? Und wenn nicht, wurden sie dann überhaupt geboren? Wenn auch das nicht zutrifft, wer hat dann jene Last zu tragen, die der Filmtitel aufgreift? Eine mögliche Antwort findet sich in eben jenen Fokus- und Perspektivenwechseln. Denn geboren wird noch immer der Mensch – biologisch, in einem schmerzhaften Akt der Mutter. Dass die Möglichkeit des Verlusts allgegenwärtig und ausschließlich ein menschliches Problem ist, beschreibt dieser Film: Nicht der, der den Nachteil des Geborenseins erst gar nicht in sich trägt, kann die Last des Verlusts eines Geborenen von den Menschen nehmen. Es bleibt immer ein spezifisch menschliches Problem, das vom Menschen bewältigt werden muss.

Hier kommt ihr zu den Tickets.

Jonathan Ederer