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Jonathan Ederer
Titelfoto: Salzgeber
24. September 2020

Von der Berlinale zum Hardline

Am 25. September für Dauerkartenbesitzer im Ostentorkino und am 26. September online läuft „Schlaf“ auf dem Hardline 2020. Wir haben mit Regisseur Michael Venus und Drehbuchautor Thomas Friedrich gesprochen.

Der Film Schlaf“ ist kein klassischer Horrorfilm, hat aber Horrorelemente. Foto:Salzgeber

Regensburg. Der Film „Schlaf“ wurde auf der Berlinale für den Preis als bestes Erstlingswerk nominiert. Es geht um Traumabewältigung und ein Hotel im Wald, das eine finstere Vergangenheit hat. Regisseur Michael Venus und Drehbuchautor Thomas Friedrich erzählen uns im Skype-Interview vom Entstehungsprozess und ihren eigenen Dämonen, die auch im Film eine zentrale Rolle spielen.

Hallo Michael, hallo Thomas, „Schlaf“ ist kein klassischer Horrorfilm, hat aber Horrorelemente. Wie ist dieser Film entstanden?

Michael Venus: Der Horror-Impuls kam von unserer Produzentin, Verena Gräfe-Höft. Ich komme zwar eher aus dem Drama und dem Arthaus, für uns persönlich war es aber an der Zeit, einen Genre-Film zu drehen. Deutschland ist auf diesem Gebiet noch ein Entwicklungsland. Thomas und ich haben uns aber auch davor schon oft darüber unterhalten, wie es wäre, einen Horrorfilm zu drehen.

Thomas Friedrich: Die erste Notiz, die mit „Schlaf“ zu tun hat, habe ich Anfang 2014 aufgeschrieben. Es ging um Traumata und ich hatte auch schon das Hotelszenario im Kopf. Es war ein langer Prozess, der sich über Jahre erstreckt hat. Es gab viele Fassungen, die ich teilweise stark kürzen musste. Wenn wir alle Nebenhandlungen und Motive zusammennehmen, dann hätten wir Stoff für eine Serie.

Thomas, wenn man dich als Autor fragt: Um was geht es in „Schlaf“?

Thomas: Im Schreibprozess gab es trotz der vielen Ebenen eine klare Idee: Eine junge Frau geht auf eine Reise und will das Rätsel ihrer Vergangenheit lösen. Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass sich die verschiedenen Ebenen von allein ergeben, wenn man tief genug in der Materie drin ist. Bestimmte Aspekte kann man dann besonders betonen oder herausnehmen. Wenn ich dann die Kritiken lese, in denen auch überlegt wird, um was es im Kern geht, ist es eine Mischung aus „ganz nah dran“ und „der Film hat jetzt sein Eigenleben“. Jeder hat auf die Fragen, die der Film stellt, andere Antworten und deshalb beantworte ich auch ungern Fragen in Bezug auf die Deutung. Es war mir wichtig, diese Offenheit zu kreieren.

Der Film lebt von seiner vereinnahmenden, sehr düsteren Atmosphäre. Wie kam dieses Setting zustande?

Thomas: Ich stamme aus dem fränkischen Fichtelgebirge. Das ist eine typisch deutsche Umgebung: ein Granitblock mit dunklen Fichtenwäldern. Im Nachbarort stand ein leerstehendes Hotelmonstrum. Daher kam der Metacharakter, der das Drehbuch mitbestimmt hat. Der Wald war wie eine Stimme, die dem Ganzen einen Ton gegeben hat. Im Harz ist eine ähnliche Stimmung und deshalb hat er als Drehort auch so gut funktioniert für unsere Geschichte.

Der Film spielt zu großen Teilen auch in einem Hotel. War euch die Nähe zum Horrorklassiker „Shining“ von Anfang an bewusst?

Michael: Das Hotel als „Haunted House“ war eine ganz persönliche Idee von Thomas. Irgendwann ist uns die „Shining“-Parallele aufgefallen und wir haben begonnen, damit zu spielen. Zum Beispiel gibt es im Film die Axt, die aber nie verwendet wird. Durch das Wissen um „Shining“ ist die Axt aber so aufgeladen – das haben wir dezent eingesetzt. Die Waffen, die wir verwendet haben, waren das Wort und die Tat – eher abstrakt.

Regisseur Michael Venus (rechts unten) im Gespräch mit Kult-Redakteur Jonathan. Thomas Friedrich war per Voice-Chat dabei. Foto: Foto: Jonathan Ederer

Im Film spielen Dämonen eine zentrale Rolle. Angenommen, es gibt sie, wie würdet ihr mit ihnen umgehen?

Michael: Man kann an seinen Dämonen wachsen. Ich habe kürzlich ein Interview mit Wolfgang Joop gelesen und der beschreibt seine Lebensphilosophie anhand von „Der Exorzist“. Es gibt dort eine Szene, wo der Priester das besessene Mädchen und somit den Dämon anschreit: „Sag seinen Namen!“ Der Punkt ist, du musst deine Dämonen kennen. In dem Moment, wo du das Problem benennst, kannst du damit besser leben und dich vielleicht davon lösen. Das ist in „Schlaf“ auch der Fall. Mona, die Hauptfigur, muss ihre Dämonen erst kennenlernen, um am Ende mit ihnen umgehen zu können.

Mit hat gefallen, dass trotz aller Traumata auch der Humor eine Rolle spielt. War das so geplant?

Thomas: Von Tag eins an haben wir gesagt, dass Humor drin sein muss – aber unser Humor. Das ist ein ganz feiner und spezieller Humor und der ist auch im Buch eingearbeitet. Gerade Gro (Swantje Kohlhof) hat ihn mit ihrer trockenen Interpretation zum Leben erweckt und das ist eine Ehre für mich.

Danke für den tiefen Einblick in euren Film!

Thomas: Es wirkt jetzt wahrscheinlich so, als wären wir so „meta, meta, meta“. T. C. Boyle hat mal gesagt: „Am Ende musst du rocken!“ Auch wenn „Schlaf“ Arthaus ist und manchmal ein wenig verrückt, wollten auch wir rocken. Es hat echt Spaß gemacht, das zu schreiben.

Und mit dem Hardline Filmfestival habt ihr jetzt die perfekte Bühne, um richtig zu rocken.

Michael: Zum Hardline muss ich sagen: ganz, ganz großartig. Ich habe es vorher nicht gekannt, aber dann habe ich gesehen, was es für eine Wucht hat. Es wirkt so unabhängig vom Feuilleton und hat zugleich künstlerische Qualität: Entkoppelt und voll auf den Punkt. Wir fühlen uns total geehrt, weil gerade die Horror-Community sehr schwer zu knacken ist. Horror ist gefeiertes Kino!

Jonathan Ederer