Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Max Mutzke lehnt sich mit seinem neuen Album „Colors“ weit aus dem Fenster. Doch die Neo-Soul-Versionen, die der Sänger aus Hip-Hop-Klassikern zaubert, wissen in einer beeindruckenden musikalischen Vielfalt zu überzeugen.

Seit Max Mutzke mit seiner Teilnahme am ESC 2004 bekannt wurde, hat er sich in vielen Genres ausprobiert. Mit seinem neuen Album „Colors“ kehrt er jetzt zu seinen Soul-Wurzeln zurück. Foto: Dirk Messner / Sony Classical

Seit seinem Durchbruch mit „Can"t Wait Until Tonight“ (2004) und dem achten Platz beim Eurovision Song Contest hat sich Max Mutzke in vielen Genres ausprobiert. Nach kürzeren und längeren Intermezzi in Pop, Jazz und Klassik kehrt der Schwarzwälder mit seinem neuesten Werk „Colors“ zu seinen Wurzeln zurück: Soul. Gleichzeitig traut er sich an große Hip-Hop-Hits heran und schreibt sie zu Neo-Soul-Nummern um. Das funktioniert erstaunlich gut, was vor allem an dem Mut des Querdenkers liegt.

Max Mutzke ist ein ungewöhnlicher Künstler, der es versteht, sich beständig neu zu erfinden. In der Vergangenheit hat der 37-Jährige mit renommierten Musikern wie etwa Jazzsaxofonist Klaus Doldinger oder dem Gitarristen Bruno Müller zusammengearbeitet und sich dabei durch alle möglichen Stilrichtungen manövriert. Seine Alben waren mal poppig („Black Forest“, 2008), mal jazzig (2013 Jazz Platin Award für „Durch Einander“), mal von autobiografischen Einflüssen geprägt („Max“, 2015).

Auf seinem neuesten Longplayer „Colors“ bemüht sich der Sänger, den Stefan Raab vor mittlerweile 14 Jahren „entdeckte“, Klassiker aus Rap und Hip-Hop in ein Soul-Gewand zu stecken. Schon der Opener „Augenbling“, eine mutig arrangierte Neuerfindung des Kultsongs der Berliner Band Seeed, spiegelt die musikalische Wandelbarkeit und Originalität des Künstlers wider. So intoniert Mutzke mit spielerischer Leichtigkeit und im Wechselspiel mit dem Drumbeat und der Wah-Wah-Gitarre einen lässigen Song im Barmusik-Stil. Pointiert einsetzende Backing Vocals und wechselseitige Melodieläufe in Bläser- und Streichersätzen komplettieren den dichten Klangteppich.

Schon zu Beginn wird klar: Max Mutzke scheut sich nicht, die großen Hits der Originalkünstler um De La Soul, Warren G, Mary J. Blige oder Grandmaster Flash grundlegend zu verändern. Dafür hat er sich viel Zeit gelassen. Gemeinsam mit seiner Band, den drei Musikern von monoPunk, hat er sich sieben Monate lang im Grannys Studio in Hamburg wohnlich eingerichtet. Dieser kreative Prozess entfaltet sich auf „Colors“ in klug und facettenreich arrangierten Intepretationen. Unter dem Deckmantel Soul vereint Mutzke Elemente des Melodic Dubstep („I Got 5 On It“), locker-beschwingten Swing („Men In Black“) und lateinamerikanische Percussionklänge mit Salsa-Anleihen („All Good“).

Was sich zunächst als etwas wirrer Melting Pot aller möglichen musikalischen Einflüsse liest, entpuppt sich bei mehrmaligem Hören als durchdachtes Potpourri. Mutzke gewährt dabei sowohl sich selbst als auch seinen Musikern Glanzpunkte. Gemischt und gemastert vom New Yorker Grammy-Gewinner Russell Elevado (unter anderem Produzent von D"Angelos „Voodoo“), wartet „Colors“ mit zahlreichen Highlights auf. Die sich langsam entfaltende, zum Schluss hin aufbrausende Interpretation von Warren G"s „Regulate“ etwa und die minimalistische Soul-Ballade „Horizont“ (im Original von Tom Thaler) stechen besonders hervor. Lediglich das eigens komponierte Stück „Zu dir komm ich heim“, eine pathetische und etwas zu lang geratene Liebeserklärung an Mutzkes Heimat, wirkt fehl am Platz. Abgesehen davon demonstriert Max Mutzke sein Gespür für die Musik und zeigt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

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